Sport zwischen Politik, Klimawandel und Infrastrukturkrise

Klimawandel, Ehrenamtskrise, Digitalisierung – die Herausforderungen für den Breitensport sind umfangreich und komplex. Aktuelle Impulse aus der Politik machen Hoffnung, es sind aber vor allem die Vereine und Kommunen selbst gefragt.

Der Breitensport bildet seit Jahrzehnten eine tragende Säule des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland. Mit über 86.000 Sportvereinen und mehr als 27 Mio. Mitgliedern schafft er Räume für Bewegung, Begegnung und Beteiligung – unabhängig von Alter, Herkunft oder sozialem Status. Er fördert Gesundheit und Wohlbefinden, vermittelt Werte wie Fairness und Teamgeist, integriert Zugewanderte, stärkt das Ehrenamt und stiftet Gemeinschaft. Doch die Strukturen, auf denen dieser Erfolg ruht, geraten zunehmend unter Druck. Veraltete Sportanlagen, Klimawandel, Fachkräftemangel, ein erschöpftes Ehrenamt und unklare politische Prioritäten belasten die Basis. Zugleich bietet der Moment die Gelegenheit, den Breitensport neu aufzustellen – sozial, ökologisch und strukturell nachhaltig.

Der Breitensport befindet sich inmitten einer Infrastruktur-Krise.
Der Breitensport befindet sich inmitten einer Infrastruktur-Krise. Bild: Sportplatzwelt

Rückenwind für den Sport?

Die neue Bundesregierung hat den Sport erstmals prominent im Koalitionsvertrag verankert. Unter anderem wird ein eigener Staatsminister bzw. eine Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt eingeführt – ein Novum in der deutschen Sportpolitik. Außerdem soll die jüngst verabschiedete Sportmilliarde der in die Jahre gekommenen Infrastruktur Aufschwung geben – wenn auch mit Abstrichen: Der ursprünglich angekündigte jährliche Milliarden-Zuschuss verteilt sich nun auf die gesamte Legislaturperiode. Die Förderung des Ehrenamts, der Ausbau von Bewegung in Kitas und Schulen, die Stärkung der Inklusion sowie eine nachhaltige Sportentwicklung stehen ebenfalls auf der Agenda.

Die Sportmilliarde kommt!

Die Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und SPD haben in der jüngsten Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestags erste Weichen für eine Revitalisierung der deutschen Sportstättenlandschaft gestellt: Die Sportmilliarde kommt!

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Damit reagiert die Politik auf die seit Jahren zunehmende Alarmstimmung in der deutschen Sportlandschaft. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und zahlreiche Landessportbünde hatten wiederholt auf die prekäre Lage hingewiesen. Doch zwischen politischem Willen und konkreter Umsetzung liegen Welten. Zwar sind die Ankündigungen ambitioniert, doch bleibt offen, wie schnell und zielgerichtet die Mittel tatsächlich bei den Vereinen und Kommunen ankommen. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass Fördertöpfe oft zu bürokratisch strukturiert oder mit zu vielen Auflagen versehen sind, als dass sie effektiv genutzt werden könnten.

Eine stille Sportstättenkrise

Seit Jahren wird ein milliardenschwerer Sanierungsstau beklagt – vor allem in Kommunen. Viele Sporthallen stammen aus den 1960er und 1970er Jahren und entsprechen weder aktuellen energetischen Standards noch den Bedürfnissen des heutigen Schul- und Vereinssports. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund schätzt den Investitionsbedarf allein für kommunale Sportstätten auf über 30 Mrd. Euro. Dazu kommen etwa 10 Mrd. Euro für vereinseigene Anlagen.

Die Folge: Hallen werden gesperrt, Kurse gestrichen, Sportangebote verlagert oder eingestellt. Besonders betroffen sind strukturschwache Regionen, in denen der Breitensport ohnehin eine besonders wichtige Rolle spielt. Während sich in Großstädten oft noch alternative Flächen finden, fehlt im ländlichen Raum jegliche Infrastruktur, wenn das Dorfgemeinschaftshaus oder der Fußballplatz unbespielbar wird.

Hinzu kommen personelle Engpässe in Bau- und Planungsämtern, komplizierte Förderstrukturen und ein zunehmender Fachkräftemangel im Bauwesen. Vielerorts fehlt das Know-how, Sanierungen effizient zu planen und umzusetzen. Und so bleibt der Modernisierungsbedarf vielerorts liegen – trotz politischer Versprechen und dringender Notwendigkeit.

Schwimmunterricht wird in vielen Teilen Deutschlands immer mehr zum Privileg.
Schwimmunterricht wird in vielen Teilen Deutschlands immer mehr zum Privileg. Bild: Uerdinger Schwimmverein 08 e.V.

Wenn Schwimmen zum Privileg wird

Ein besonders sichtbares Beispiel für die strukturelle Schieflage im Breitensport ist die Schwimmbadkrise. In den letzten 25 Jahren ist die Zahl öffentlicher Schwimmbäder in Deutschland dramatisch gesunken. Viele Hallen- und Freibäder wurden geschlossen, weil sich Sanierungen als zu teuer oder wirtschaftlich unattraktiv erwiesen. In einigen Regionen müssen Kinder heute 30 bis 40 Kilometer zum nächsten Schwimmbad fahren – eine unzumutbare Situation, vor allem für Schulen und einkommensschwache Familien.

 Schwimmbäder in der Krise?

Fachverbände schlagen Alarm: Der Zustand der deutschen Bäderlandschaft ist besorgniserregend. Neben dem landesweiten Sanierungsstau sorgt vor allem der Personal- und Fachkräftemangel für teils erhebliche Herausforderungen beim kommunalen Schwimmbadbetrieb.

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Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) warnt seit Jahren: Immer weniger Kinder lernen schwimmen – ein dramatischer Rückgang der Schwimmfähigkeit ist die Folge. Damit steigt nicht nur die Unfallgefahr im Wasser, sondern auch die gesellschaftliche Ungleichheit. Schwimmen wird zum Luxus, den sich nicht alle leisten können. Rettungsschwimmer fehlen, Schulschwimmen fällt aus, Vereine kämpfen ums Überleben.

Zwar gibt es mit dem „Masterplan Bäder“ und regionalen Initiativen einzelne Lichtblicke – doch ohne eine umfassende und nachhaltige Bundesstrategie droht ein ganzer Bereich des Breitensports langfristig wegzubrechen.

Der Sanierungsstau an deutschen Bäderanlagen ist enorm.
Der Sanierungsstau an deutschen Bäderanlagen ist enorm. Bild: Sportplatzwelt

Klimawandel – Herausforderung mit Systemwirkung

Auch der Klimawandel hinterlässt deutliche Spuren im Breitensport. Hitzeperioden, Unwetter, Luftverschmutzung und Starkregenereignisse erschweren zunehmend die Durchführung von Sportveranstaltungen im Freien. Besonders im Sommer sind Veranstaltungen unter freiem Himmel nur noch eingeschränkt möglich – nicht selten müssen Fußballspiele oder Leichtathletikwettkämpfe wegen Temperaturen über 35 Grad abgesagt werden. Die Belastung für ältere und gesundheitlich eingeschränkte Personen steigt.

 Hitzeschutz: Was tun, wenn es immer heißer wird?

Mit steigenden Durchschnittstemperaturen und immer häufiger auftretenden Extremwetterereignissen wachsen die Anforderungen an den kommunalen Hitzeschutz. Anforderungen, denen sich Sportanlagen, Grünflächen und Freiräume stellen müssen.

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Um dem entgegenzuwirken, hat das Gesundheitsministerium gemeinsam mit dem DOSB erste Hitzeschutzpläne für Sportveranstaltungen entwickelt. Vorgesehen sind unter anderem Alkoholverbote, die Bereitstellung von Schattenplätzen, das Tragen leichter Kleidung und die Anpassung von Trainings- und Wettkampfzeiten.

 BMG veröffentlicht Hitzeschutzplan für den Sport

Das Bundesministerium für Gesundheit legt drei neue Hitzeschutzpläne vor, um besser auf die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitzewellen reagieren zu können. Mit ihnen wird der „Hitzeschutzplan Gesundheit“ u.a. um den Bereich Sport erweitert.

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Darüber hinaus steht die Sportinfrastruktur vor neuen Anforderungen. Dächer von Hallen müssen künftig nicht nur wetterfest, sondern auch begrünt oder mit Photovoltaikanlagen ausgestattet sein. Plätze benötigen Schatten, Regenwasser muss aufgefangen und genutzt werden können, Bodenbeläge müssen hitzeresistent sein. All dies erfordert neues Denken – und neue Investitionen.

Klimawandel: Auch Sportstätten müssen sich der "neuen Normalität" beugen.
Klimawandel: Auch Sportstätten müssen sich der "neuen Normalität" beugen. Bild: Sportplatzwelt

Bedarf trifft Realität

Während die Herausforderungen wachsen, hinkt die kommunale Sportentwicklungsplanung vielerorts hinterher. In vielen Städten und Gemeinden fehlt eine systematische Bestandsaufnahme von Sportflächen, Bedarfsanalysen sind veraltet oder gar nicht vorhanden. Zudem stehen Planer oft vor Zielkonflikten: Wohnbebauung, Verkehrsplanung und Klimaanpassung konkurrieren mit der Suche nach Flächen für Sport und Bewegung.

Dabei zeigen erfolgreiche Beispiele, wie eine integrierte Sportstättenplanung aussehen kann. Städte wie Freiburg, München oder Leipzig setzen auf Kooperation mit Vereinen, Bürgerbeteiligung und digitale Bestandsanalysen, um Bewegungsräume passgenau zu gestalten. Diese Prozesse sind jedoch aufwendig, kosten Zeit und erfordern politische Priorisierung – die in vielen Fällen fehlt.

Herz und Motor des Breitensports

Trotz aller Widrigkeiten leisten die Sportvereine tagtäglich Außergewöhnliches. Sie organisieren Trainings, übernehmen soziale Verantwortung, fördern Integration und Inklusion, bilden Jugendliche aus und halten ganze Orte zusammen. Doch auch sie kämpfen mit enormen Herausforderungen.

Das Ehrenamt, seit jeher das Rückgrat des organisierten Sports, ist vielerorts am Limit. Immer weniger Menschen sind bereit, sich langfristig zu engagieren. Bürokratische Anforderungen, steuerliche Unsicherheiten, Datenschutz und steigende Erwartungen erschweren die Arbeit zusätzlich. Hinzu kommt ein gewisser Professionalisierungsdruck: Selbst kleinere Vereine müssen sich mit Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Datenschutz, Nachhaltigkeitsberichten und Förderanträgen auseinandersetzen.

Die Digitalisierung bietet Chancen, insbesondere bei Verwaltung und Kommunikation – doch gerade in ländlichen Regionen fehlen oft die nötige Infrastruktur oder das Know-how. Zudem müssen Vereine heute auf gesellschaftliche Themen wie Gewaltprävention, sexualisierte Gewalt im Sport, Demokratiebildung oder Geschlechtergleichheit reagieren – Themen, für die viele keine Ressourcen haben.

 Woran scheitert die Digitalisierung des Vereinssports?

Die digitale Transformation von Sportvereinen scheint unausweichlich, wenn es darum geht, den aktuellen Herausforderungen im Breitensport Herr zu werden. Verschiedene, individuelle Voraussetzungen in den Vereinen können dabei aber immer wieder zum Hemmnis werden.

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Neben den strukturellen Problemen rücken auch inhaltliche Themen in den Vordergrund. Der Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen hat sich durch die Corona-Pandemie massiv verschärft. Studien zeigen, dass viele Kinder schlechtere motorische Fähgikeiten haben als vor der Pandemie. Sportvereine und Schulen kämpfen gegen Übergewicht, Bewegungsarmut und psychische Belastungen.

Gleichzeitig steigt der Bedarf an präventiven Angeboten, etwa für ältere Menschen oder Menschen mit chronischen Erkrankungen. Hier kann der organisierte Sport einen entscheidenden Beitrag zur öffentlichen Gesundheitsförderung leisten – sofern er strukturell gestärkt wird.

Auch die Themen Inklusion und Integration erhalten neue Relevanz. Viele Vereine öffnen sich für Geflüchtete oder Menschen mit Behinderungen. Der Sport bietet hier einzigartige Chancen zur Teilhabe – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen.

Und nicht zuletzt bringt die Digitalisierung neue Formen des Sporttreibens hervor: Online-Kurse, Sport Apps, digitale Mitgliederverwaltung oder Live-Streams von Turnieren oder Spielen – der organisierte Breitensport steht auch hier vor der Frage, wie er diese Entwicklungen sinnvoll integrieren kann.

Ein Kraftakt für die Zukunft

Der Breitensport in Deutschland steht an einem entscheidenden Wendepunkt: Die politischen Signale sind gesetzt, die Probleme bekannt – doch es kommt nun auf die konkrete Umsetzung an. Es braucht eine konsequente, ressortübergreifende Sportpolitik, die die Akteure vor Ort stärkt und den Breitensport strukturell absichert.

Die Investitionen in Infrastruktur, Klimaresilienz und Digitalisierung müssen nicht als Belastung, sondern als Chance verstanden werden, den Sport zukunftsfähig zu gestalten. Gleichzeitig muss das Ehrenamt entschlackt, anerkannt und zeitgemäß unterstützt werden. Kooperationen zwischen Politik, Verbänden, Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sind dabei unerlässlich.

Denn eines ist klar: Ein starker Breitensport ist kein Luxus – er ist eine tragende Säule unserer Demokratie, unserer Bildung, unserer Gesundheit und unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts.

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