Olympia: Chance für den Breitensport?

2036, 2040 oder 2044 könnten Olympische und Paralympische Spiele nach 1972 erstmals wieder in Deutschland stattfinden. München, Berlin und KölnRheinRuhr stehen in den Startlöchern, um Olympia zurück nach Deutschland zu bringen. Eine Chance für den Breitensport?

Nach dem erfolglosen Referendum in Hamburg sind mit München, Berlin und KölnRheinRuhr noch drei mögliche Ausrichter im Rennen, die ihre Bewerbungsunterlagen jetzt fristgerecht beim DOSB eingereicht haben. So sehr sich die eingereichten Konzept im Detail auch unterscheiden, eines haben sie alle gemein: Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland sollen möglichst nachhaltig gestaltet werden. Neubauten sollen, wenn überhaupt, nur temporär errichtet und/oder später umgewidmet werden, der Fokus liegt auf der Modernisierung des Bestands. Zugleich sollen Impulse für den Breiten- und Spitzensport gesetzt, eine aktive Lebensweise gefördert, die Vielfalt des Sports gestärkt und Innovationen unterstützt werden.

Paris hat gezeigt, wie der Breitensport von einer Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele profitieren kann.
Paris hat gezeigt, wie der Breitensport von einer Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele profitieren kann. Bild: Sportplatzwelt

Spitzensport als Motivator?

Sportgroßveranstaltungen wie Olympischen Spielen, Fußballweltmeisterschaften & Co. werden – vor allem, wenn sie „vor der eigenen Haustür“ stattfinden – mitunter erhebliche Inspirations- und Motivationseffekte nachgesagt. Und die Rechnung scheint einfach: Die Erfolge von Spitzensportlern bei Sportgroßveranstaltungen motivieren vor allem junge Menschen, ihren Idolen nachzueifern und steigern die Motivation, sich zu bewegen oder Mitglied in einem Verein zu werden.

Erfolg ist dabei aber nicht gleich Erfolg, wie eine aktuelle vom DOSB beauftragte SINUS-Studie zeigt: Medaillenerfolge werden zwar geschätzt, im Zusammenhang mit der staatlichen Leistungssportförderung werden aber vor allem in bildungsnahen Milieus die gesellschaftlichen Wirkungen deutlich höher bewertet als internationales Prestige durch Medaillenerfolge. Wenn Menschen Erfolg also nicht nur über Podestplätze definieren, sondern auch über persönliche Entwicklung, Beharrlichkeit und die Sichtbarkeit einer Sportart, dann entsteht Motivation möglicherweise schon durch die Geschichten der Athletinnen und Athleten – und nicht erst durch den Gewinn einer Goldmedaille.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung. Die vollständige Version des Artikels finden Sie in der aktuellen Ausgabe 2-2026 des Sportplatzwelt MAGAZIN. Jetzt für Sportplatzwelt+ registrieren, um Zugriff auf das eBook zu erhalten.



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Und tatsächlich wurde ein automatischer „Trickle-Down“-Effekt (Mehr Medaillen, mehr Motivation) in der Vergangenheit von zahlreichen Studien widerlegt. So zeigt der kanadische Sportökonom Peter Donelly in seiner Analyse der Auswirkungen der Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver, dass die jährliche, seit 1988 um mehr als 270 Mio. Dollar gewachsene Spitzensportförderung in Kanada zwar zu mehr Medaillenerfolgen geführt, nicht aber die sportliche Aktivität in der Bevölkerung erhöht hätte – der Organisationsgrad sei im Zeitraum 1994 bis 2005 sogar um 18 Prozent zurückgegangen. Zwar zweifelt Donelly gewisse Motivationseffekte nicht an, Motivation alleine reiche aber nicht aus, um die übrigen Hürden zu beseitigen, die einer Sportausübung unter Umständen im Weg stünden.

Ein ähnliches Bild zeichnet der Blick auf Sydney 2000: „Die Olympischen Spiele hatten keine signifikanten Auswirkungen auf die Teilnahme an körperlichen Aktivitäten unter erwachsenen Australiern, gemessen 6 Wochen nach Ende der Spiele“, so Studienautor Adrian Bauman. „Die Absicht, im nächsten Monat aktiv zu sein, stieg nach den Spielen an, war jedoch nicht mit einer Veränderung des Bewegungsverhaltens verbunden.“

Und auch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) betont in einer 2020 veröffentlichten Studie: „Der internationale Forschungsstand ist eindeutig: Dass erfolgreicher Spitzensport generell eine größere Sportbeteiligung der Bevölkerung mit sich bringen würde, ist bestenfalls naives Wunschdenken. Realistischer scheinen Auswirkungen auf bereits aktive Gruppen, in Form einer Steigerung oder Reaktivierung des Trainings oder im Sinne eines Sportart-Wechsels, doch auch diesbezüglich ist nicht von einem Automatismus auszugehen.“

„Ein Blick auf Paris zeigt, was möglich ist“


Im Interview wirft Prof. Dr. Stefan Chatrath, Professor an der University of Europe for Applied Sciences, einen Blick auf das Olympia-Konzept der Region Rhein-Ruhr und geht auf mögliche positive Effekte für Sportvereine und -verbände ein.

Paris zeigt wie’s geht

Olympia also grundsätzlich motivieren – aber nur in Verbindung mit langfristigen Programmen und Investitionen, die parallel die Hürden zur sportlichen Betätigung für alle senken und dabei gezielt Kinder, Jugendliche, sportferne Bevölkerungsgruppen und sozial benachteiligte Milieus berücksichtigen. Entscheidend für den Erfolg Olympischer und Paralympischer Spiele in Deutschland wird deshalb – neben infrastrukturellen Investitionen zur Modernisierung der regionalen Sportstättenlandschaft – vor allem die gezielte Einbindung des Breitensports sein, um flächendeckende Impulse setzen zu können.

Angesichts des zunehmenden Bewegungsmangels bei Kindern und Jugendlichen und der Frage, wie man diese Altersgruppe am besten erreicht, bieten sich hier vor allem Olympia-bezogene Kooperationen zwischen dem örtlichen Vereinssport und lokalen Schulen und Bildungseinrichtungen an. Julian Lagemann, Vorstandsmitglied der Deutschen Sportjugend (dsj) im Sportplatzwelt-Interview: „Eine Olympia- und Paralympics-Ausrichtung kann große Aufmerksamkeit, Infrastrukturinvestitionen und politische Handlungsbereitschaft erzeugen. Diese Impulse müssen bewusst gebündelt werden, damit sie dem Breiten- und Jugendsport zugutekommen – z.B. durch eine offene Nutzung, schulische Einbindung und langfristige Finanzpläne.“

Die langfristige Motivation von Kindern und Jugendlichen stand dabei auch bei den letzten Sommerspielen in Paris 2024 im Mittelpunkt – auch wenn die „Paris 2024 Social Legacy Strategy“ schon einige Jahre früher ihren Anfang nahm: Bereits 2017 wurde an allen Schulen, Hochschulen und Universitäten die jährlich stattfindende „Semaine Olympique & Paralympique“ (SOP) ins Leben gerufen, das Label „Génération 2024“ zeichnet seit 2018 Bildungseinrichtungen aus, die sich verpflichten, regelmäßig mit lokalen Sportvereinen zu kooperieren, olympische und paralympische Themen in den Unterricht einzubinden sowie Sportprojekte für die Schulgemeinschaft und die Teilnahme an der SOP zu fördern. Über das Programm „30‘ APQ“ („30 Minuten Bewegung pro Tag“) wurden Schulen Materialien zur Verfügung gestellt, um eine zusätzliche, tägliche 30-minütige Bewegungseinheit außerhalb des klassischen Schulsports einzuführen.

Die Programme gingen dabei aber weit über die reine Bewegungsförderung hinaus: Im Mittelpunkt der Vermittlung „olympischer und paralympischer Werte“ stand vor allem auch die Sensibilisierung für inklusiven Sport – die Sichtbarkeit des Parasports sollte erhöht, der Zugang zu inklusiven Angeboten verbessert und die gesellschaftliche Wahrnehmung von Behinderungen insgesamt verändert werden.

Mit Erfolg: Die Teilnehmerzahlen an der SOP sind von anfangs 72.000 (2018) auf mittlerweile mehr als 2 Mio. Kinder und Jugendliche gestiegen, zuletzt haben mehr als 12.000 Bildungseinrichtungen an der SOP teilgenommen. Bis 2024 konnten mehr als 11.000 Schulen (19 % aller Schulen in Frankreich) mit dem Label „Génération 2024“ ausgezeichnet werden und mehr als 3 Mio. Schülerinnen und Schüler mit dem Programm erreicht werden. In der Folge sei die Zahl langfristiger oder dauerhafter Kooperationen zwischen Schulen, Vereinen und Kommunen in Frankreich und die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Sportangeboten im schulischen Umfeld teils merklich gestiegen. Mehr als 1.700 Sportvereine wurden zum Thema inklusiver Sport geschult und 117 neue Parasport-Abteilungen gegründet. Neben diesen staatlichen Maßnahmen war vor allem der öffentlich-private „Paris 2024 Endowment Fund“ (FDD) und das daran angeschlossene Programm „Impact 2024“ wegweisend für die soziale Legacy der Spiele 2024 in Paris: In insgesamt 5 Projektaufrufen wurden mehr als 1.300 Sportprojekte mit besonderem sozialen Impact mit insgesamt rund 47,8 Mio. Euro bezuschusst – beispielsweise Sportangebote für Mädchen in Problemvierteln, Parasport-Angebote oder Integrationsprojekte. [...]

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung. Die vollständige Version des Artikels finden Sie in der aktuellen Ausgabe 2-2026 des Sportplatzwelt MAGAZIN. Jetzt für Sportplatzwelt+ registrieren, um Zugriff auf das eBook zu erhalten.



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(Sportplatzwelt, 30.07.2026)

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