„Es braucht eine stärkere Durchgrünung unserer Städte“
Im Interview mit Sportplatzwelt erklärt Florian Mayer, Leiter des Fachgebiets Landschaftsplanung, räumliche Planung und Siedlungsbereich beim Bundesamt für Naturschutz (BfN), inwieweit Kommunen künftig bei der Grünflächenplanung umdenken müssen und welche Chance der Sport bieten kann.

Mayer: Die Auswirkungen des globalen Klimawandels – zum Beispiel Hitzewellen und Starkniederschläge – sind gerade in Städten deutlich spürbar. So hat sich die durchschnittliche Anzahl der Hitzetage pro Jahr (> 30°C) zum Beispiel in Berlin in den letzten 30 Jahren auf 11 Tage verdoppelt; für das Ende des 21. Jahrhunderts werden sogar bis zu 35 Hitzetage im Jahr prognostiziert. Und auch für die Tropennächte, die besonders negative gesundheitliche Folgen haben, wird für die deutschen Großstädte eine deutliche Zunahme prognostiziert.
Aus diesem Grund rücken bei der Entwicklung von Klimaanpassungsstrategien von Städten die Grün- und Freiflächen zunehmend in den Fokus. Große Grünflächen weisen nachweisbare Abkühlungseffekte auf. Viele kleinere, verteilte Freiräume sind wichtig für die bioklimatische Wirkung, weil sie für die Menschen in ihrem Wohnraum besser erreichbar sind und an heißten Tagen kühle Oasen bilden. Von Bebauung freigehaltene Korridore, die aus dem Umland in die Städte hineinreichen, bringen nachts Frisch- und Kaltluft. Straßenbäume vermindern durch ihren Schattenwurf die Überhitzung von Gehwegen und kühlen die Luft durch die Verdunstung von Wasser. Die Begrünung von Dächern und Fassaden vermindert das Aufheizen von Gebäuden. Kurz gesagt: Es braucht eine stärkere Durchgrünung unserer Städte. Und davon profitieren nicht nur wir Menschen, sondern auch die Artenvielfalt in unseren Städten.
Sportplatzwelt: Welche Herausforderungen kommen hier auf die künftige kommunale Grünflächenplanung zu und welche Chancen bietet hier beispielsweise der Planungsansatz der „urbanen grünen Infrastruktur“?
Mayer: Der Ansatz der urbanen grünen Infrastruktur steht für die strategische und integrierte Planung, die Sicherung und Entwicklung sowie für das Management von städtischen Grün- und Freiflächen. Ziel ist ein vernetztes System aus Grün- und Freiräumen, das vielfältige Leistungen für Städte bereitstellt und deshalb auf einer Ebene mit technischen und sozialen Infrastrukturen steht. Zu diesen Leistungen gehören Klimaanpassung und -schutz, Förderung der Artenvielfalt sowie Erholung und Gesundheit.
In der Stadtentwicklung wird daher verstärkt die urbane grüne Infrastruktur in den Blick genommen. Das Konzept steht für eine ganzheitliche Perspektive, die Stadtentwicklung, Grün- und Freiraumplanung sowie Naturschutz integriert.
Die zukünftige Grünflächenplanung muss also über einzelne Parks hinausdenken. Sie muss in den Blick nehmen, wie sich Grünflächen vernetzen und zum Beispiel wohnungsnahe Kleinparks schaffen lassen. Eine strategisch geplante und vernetzte grüne Infrastruktur erhöht den Anteil zugänglicher grüner Freiräume für Erholung, Freizeit, Spiel und Sport und stellt damit für alle Altersgruppen vielfältig nutzbare Orte der Begegnung und Bewegung bereit. Grüne Infrastruktur schafft Anreize zu körperlicher Aktivität – mit positiven Effekten auf das Herz-Kreislauf-System und das Immunsystem. Viele Untersuchungen belegen, dass Naturerleben und erreichbare Grünräume die Lebensqualität fördern. So stärkt das urbane Grün das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner: Es hilft dabei, Stress abzubauen und die Zufriedenheit und Identifikation mit der Wohnumgebung zu erhöhen. Ziel muss es deshalb sein, in allen Stadtteilen Zugang zu nutzbaren und attraktiven Grün- und Freiräumen zu schaffen.
Sportplatzwelt: „Urbane Grüne Infrastruktur“ verfolgt neben ökologischen und ökonomischen Zielsetzungen vor allem auch Ziele einer sozial nachhaltigen Stadtentwicklung. Welchen Stellenwert können hierbei niedrigschwellige Sportangebote einnehmen?
Mayer: Grünflächen in der Stadt sollten grundsätzlich so gestaltet sein, dass sie Bewegung im Freien ermöglichen und anregen. Dies kann auf größeren Grünflächen zwar besser gewährleistet werden, aber auch wohnnahe, kleinere Grünflächen lassen sich für die passive und aktive Erholung optimieren.
Gesundheitliche Belastungen als Folge von Umweltproblemen sind in Deutschland und insbesondere in den Städten ungleich verteilt: In vielen Studien zeigt sich bei Menschen mit niedrigem Einkommen eine Tendenz zur stärkeren Belastung durch negative Umwelteinflüsse wie Lärm und Luftschadstoffe; darüber hinaus besteht in der Regel weniger Zugang zu städtischen Grünflächen und damit geringere Bewegungs- und Erholungsmöglichkeiten. Entsprechend ist die Umweltgerechtigkeit von Städten derzeit (noch) nicht umfassend ausgeprägt. Die Weltgesundheitsorganisation fordert daher, dass alle Menschen in Städten Zugang zu öffentlichen Parks in fußläufiger Entfernung zu ihrem Wohnort erhalten. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass das derzeit in Deutschland noch nicht in allen Städten oder Quartieren gewährleistet ist. Hier braucht es verstärkt Anstrengungen von Bund, Ländern und Kommunen, auf eine bessere Versorgung mit attraktiven Grünflächen hinzuwirken.
Sportplatzwelt: Die Entwicklung und Qualifizierung urbaner grüner Infrastruktur ist ein komplexes Unterfangen, das eine integrierte und ämterübergreifende Planung erfordert. Welche Planungsinstrumente kommen hier zum Einsatz und wie lässt sich diese interdisziplinäre Planung in der Praxis realisieren?
Mayer: In der Abwägung der unterschiedlichen Anforderungen und Interessen ist es für zukunftsfähige Städte überlebenswichtig, ihre grüne Infrastruktur zu erhalten und auszubauen. Kommunen können sich dabei einer Reihe von Planungsinstrumenten bedienen, zum Beispiel der Bauleitplanung, der Landschaftsplanung oder auch freiwilliger Planungen wie Freiraumkonzepten oder Masterplänen Grün.
Die Entwicklung der urbanen grünen Infrastruktur geht dabei über den reinen Flächenverbund hinaus. Der integrative Gedanke ist auch bei einer ämterübergreifenden Zusammenarbeit anzulegen. Dabei hilft die Entwicklung neuer Leitbilder und Ziele, zum Beispiel im Bereich der Gesundheit. Zeigt man, dass Naturerleben ganz konkret jedem Einzelnen, besonders in den Städten, guttut, lassen sich Akteure gewinnen, die klassische nicht mit urbanem Grün betraut sind. Nur durch ein gemeinsames Vorgehen kann die notwendige grüne Transformation der Städte für die Menschen erreicht werden.
Um Kommunen dabei zu unterstützen, den vielfältigen Anforderungen an öffentliche Grünflächen gerecht zu werden, hat das Bundesamt für Naturschutz kürzlich Orientierungswerte für das öffentliche Grün veröffentlicht. Diese bieten Anhaltspunkte für die quantitative und qualitative Versorgung mit Grünflächen. Ein Aspekt bei der Bewertung der Gesundheitswirkung einzelner Grünflächen ist dabei zum Beispiel das Angebot an Bewegungs- und Sportmöglichkeiten.
Sportplatzwelt: Warum sollten hier unbedingt auch andere Akteure und Institutionen außerhalb der Kommunalverwaltung frühzeitig involviert werden? Welche Rolle kann hier z. B. der Vereinssport spielen?
Mayer: Werden Akteure außerhalb der Verwaltung, beispielsweise Umwelt-, Naturschutzverbände, Sozialverbände und auch Bürgerinnen und Bürger frühzeitig und gut eingebunden, lassen sich neue Impulse und Sichtweisen auf die Entwicklung von Grün- und Freiflächen und von Stadtquartieren insgesamt gewinnen. Die Bürgerinnen und Bürger kennen „ihre“ Flächen sehr gut aus dem alltäglichen Leben, so dass Nutzungskonflikte rechtzeitig erkannt und Maßnahmen an die Bedürfnisse der Menschen vor Ort angepasst werden können. Auch Vereine können auf den von ihnen betreuten Sportanlagen dazu beitragen, die urbane grüne Infrastruktur zu entwickeln, indem zum Beispiel Randbereiche naturnah gepflegt und entwickelt werden. Damit wird nicht nur die Artenvielfalt gestärkt. Auch das Naturerleben beim Sport kann den Erholungswert steigern! (Sportplatzwelt, 27.11.2024)
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