Ökobilanz: Die Weichen für Nachhaltigkeit
Die Ökobilanz stellt die Grundlage für die Berechnung der Nachhaltigkeitsperformance einer Sporthalle. Aber auch andere Faktoren wie die Wahl eines geeigneten Standorts sollten frühzeitig bedacht werden.
Bei der Bewertung, ob ein geplantes Bauprojekt den Ansprüchen an eine moderne, nachhaltige Sportstätte gerecht wird, reicht es heute allerdings nicht mehr aus, nur einen möglichst ressourcenschonenden Betrieb anzustreben, wie Michael Jäger, Leiter der Gruppe Nachhaltiges Bauen am Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP, erklärt: „Während es lange ausreichte, den Energiebedarf eines Gebäudes, welcher für Heizen, Kühlen und den Betrieb erforderlich ist, drastisch zu reduzieren, so muss heute der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes in den Blick genommen werden.“ Bei dieser Betrachtung spielen vor allem die Mechanismen der Lebenszyklusanalyse (LCA) und der Ökobilanz eine entscheidende Rolle, die neben individuellen Standortfaktoren wesentlich in die Bemessung der Nachhaltigkeit eines Gebäudes einfließen sollten.
Ökobilanz: Standard für nachhaltiges Bauen
Die Ökobilanz stellt ein normiertes und standardisiertes Berechnungssystem für nachhaltige Bauprojekte dar, das im Rahmen der Lebenszyklusanalyse (LCA) alle Elemente eines Bauprojektes auf ihren ökologischen Einfluss auf die Umwelt hin untersucht: Sowohl die Energie- und Ressourcenverbräuche aller verwendeten Baumaterialien und -produkte von der Herstellung bis zur Entsorgung bzw. dem Recycling als auch die Energie- und Ressourcenverbräuche, die über den gesamten Nutzungszeitraum hinweg im Gebäudebetrieb anfallen, werden hier berücksichtigt. Die Primärenergie („Graue Energie“), der Wasser- und abiotische Ressourcenverbrauch, das Treibhausgaspotenzial und weitere Umweltauswirkungen wie Bodenversauerung, Ozonschichtabbau oder Smog-Bildung sind wesentliche Indikatoren zur Berechnung der Ökobilanz.
Jäger: „Die negativen Umweltauswirkungen, die beispielsweise zum Treibhausgaseffekt und damit zur Klimaerwärmung beitragen, werden vor allem durch die Herstellung von Baumaterial und Bauprodukten verursacht. Je energieeffizienter ein Gebäude in der Nutzungsphase ist, desto bedeutender wird der CO2-Anteil weiterer Umweltwirkungen, der durch dessen Herstellung und vor allem am Lebensende anfällt. Dieser Anteil am Lebenszyklus wird maßgeblich durch Bauprodukte verursacht.“
Als normative Grundlage für die Ökobilanz fungieren in Deutschland die DIN EN ISO 14040 und die DIN EN ISO 14044. Des Weiteren gilt es in diesem Zusammenhang die DIN EN 15978, die sich vorrangig mit Berechnungsmethoden zur Bewertung der umweltbezogenen Qualität von Gebäuden befasst, sowie die DIN 15804 „Nachhaltigkeit von Bauwerken – Umweltproduktdeklarationen – Grundregeln für die Produktkategorie Bauprodukte“ zu beachten.
Alle Energie- und Ressourcenverbräuche werden im Rahmen der Ökobilanz in einem standardisierten Verfahren berechnet und analysiert und bieten so einen umfassenden Überblick über die (zu erwartenden) ökologischen Auswirkungen eines Bauprojekts über den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes hinweg.
Datenbanken wie die kostenfreie Datenbank für Bauprodukte und Dienstleistungen „ÖKOBAUDAT“ des Bundesbauministeriums und verifizierte EPDs (Environmental Product Declarations) vieler Hersteller liefern den Projektverantwortlichen detaillierte und verlässliche Daten zu den Energie- und Ressourcenverbräuchen verschiedener Bauprodukte und -dienstleistungen und helfen bei der Aufstellung einer Ökobilanz bzw. LCA. Bei der Berechnung des Energieverbrauchs im Betrieb helfen hingegen genormte Verfahren wie die EU-Energieverbrauchskennzeichnung.
Datenbanken Ökobilanzen und EPDs
ÖKOBAUDAT
Datenbank des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau- und Reaktorsicherheit mit Ökobilanzdaten zu verschiedenen Bauprodukten und Dienstleistungen.
www.ökobaudat.de
ProBas
Webportal des Umweltbundesamts mit mehr als 8.000 Datensätzen zu den Lebenszyklusdaten verschiedener Bauprodukte und Dienstleistungen.
www.probas.umweltbundesamt.de
EPD-Online
Übersicht des Instituts für Bauen und Umwelt e.V. (IBU) über geprüfte Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs) zahlreicher Unternehmen und Verbände als PDF-Datei.
www.epd-online.de
EPD-Datensätze
Große Sammlung digitaler Datensätze zu Umwelt-Produktdeklarationen im XML-Format, geprüft und zur Verfügung gestellt vom Institut für Bauen und Umwelt e.V. (IBU)
www.ibu-epd.com/ibu-data-start
ECO Platform
Eine europäische Initiative, die in einer umfangreichen Datenbank Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs) zahlreicher europäischer Bauprodukte und Unternehmen zusammenfasst.
www.eco-platform.org
Um zu ermitteln, ob die errechnete Ökobilanz optimierungsbedürftig ist, können die Ergebnisse mit den Anforderungen gängiger Zertifizierungssysteme (z. B. BREEAM, LEED, DGNB) oder Referenzprojekten aus anderen Kommunen abgeglichen werden. Jäger: „Eine Auswahl an Bauprodukten mit einer möglichst guten Ökobilanz sowie einer langen Lebensdauer ist eine der größten Stellschrauben für die Realisierung nachhaltiger Gebäude und Bauwerke. Durch Wiederverwendung und durch den Einsatz von recyceltem Material in Bauprodukten kann dessen Ökobilanz signifikant verbessert werden.“
Während die Ökobilanz also dabei hilft, den Ressourcen- und Energieverbrauch von der Produktion der Baumaterialien bis hin zum Ende der Lebensdauer eines Gebäudes bzw. dessen Umnutzung zu berechnen, gibt es aber auch weitere Faktoren, die zwar nicht wesentlicher Bestandteil der Ökobilanz sind, im Sinne einer ökologisch nachhaltigen Sportstätte aber in genauso hohem Maße in die Betrachtung der Gesamtperformance eines Gebäudes einfließen sollten.
So sollte das Augenmerk beispielsweise auch auf einer nachhaltigen Baustellenplanung liegen, wie Markus Kelzenberg, Abteilungsleiter Zertifizierungsstelle der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), erklärt: „Eine im Sinne der Nachhaltigkeit ausgeführte Baustelle hat einen hohen Stellenwert im Gesamtverlauf des Projektes. Das zeigt sich gerade am Beispiel der Baumaterialien. Die Auswahl dieser nach ökologischen Kriterien ist das eine. Auf der Baustelle sollte unbedingt dokumentiert werden, welche Baumaterialien tatsächlich verwendet werden. Gerade in Bezug auf das Thema der Wohngesundheit ist es wichtig, vor Ort sicherzustellen, dass keine schadstoffbelasteten Additive zugefügt werden.“
Schlussendlich gehe aber auch auf der Baustelle der Weg zur „Circular Economy“: Neben kurzen Transportwegen und der Verwendung von Ökostrom auf der Baustelle sei deshalb vor allem zu prüfen, inwiefern Baumaterialien direkt vor Ort wiederverwendet werden können. Kelzenberg: „Dazu gehört aber auch die Vermeidung von Trinkwasser für den Bauprozess, die Rückführung von Baustoffresten zum Hersteller, die Vernetzung von Baustellen, um Ressourcen gemeinsam zu nutzen und der Einsatz von Recyclingmaterialien.“
DGNB-Kriterien zur Bewertung von Baustellen
Qualiät der Bauausführung (17 %)
• Baustellenmanagement
• Qualitätssicherung
• Wartungs-, Inspektions-, Betriebs- und Pflegeanleitungen
Kommunikation (16 %)
• Information der Öffentlichkeit
• Information der Anwohner
• Information lokalen Gewerbes
• Integration lokaler Betriebe
Gesundheit und Soziales (22 %)
• Gesundheitsprävention
• Sicherheit, Gefährdungsbeurteilung
• Projektinterne Kommunikation
• Soziale Faktoren
Bauorganisation (20 %)
• Baustellenplanung
• Bauablauf- und Bauzeitenpläne
• Vermeidung von Belastungen (Baustelle & Umfeld)
Ressourcenschutz (25 %)
• Energie: Einsparung und Emissionsminderung
• Baumaterialien: Wiederverwendung und -verwertung
• Trinkwasser: Minimierung und Datentransparenz
Nachhaltigkeit: Auch eine Frage des Standorts
Ein Punkt, der in der Ökobilanz eines Gebäudes zweitrangig und in den Zertifizierungs- und Bewertungssystemen vieler Prüfstellen gesondert behandelt wird, in der Praxis aber ein wesentliches Kriterium für die Nachhaltigkeit – sowohl aus ökologischer, als auch aus wirtschaftlicher, sozialer und funktionaler Sicht – darstellt, ist die Wahl eines geeigneten Standorts.
Im Sinne der wirtschaftlichen und sozialen bzw. funktionalen Qualitätskriterien nachhaltigen Bauens sollten bei der Standortwahl neben der kostengünstigen Realisierung, einer geeigneten Einbettung ins städtebauliche Gesamtkonzept, die Einbindung in nachhaltige Mobilitäts- und Verkehrskonzepte, die gute und barrierefreie Erreichbarkeit durch die angestrebten Zielgruppen vor allem auch ökologische Aspekte eine übergeordnete Rolle bei der Wahl eines Standorts spielen.
Hier gilt es neben dem Schutz von Pflanzen, Tieren und Umwelt am Mikrostandort vor allem auch der zunehmenden Flächenversiegelung Einhalt zu gebieten. Einer Schätzung der Umweltökonomischen Gesamtrechnung aller Länder zufolge sind rund 45,1% der Siedlungs- und Verkehrsflächen und rund 6,5 % der Gesamtfläche in Deutschland versiegelt.
DGNB-Kriterien zur Bewertung der Standortqualität
Risiken am Mikrostandort
z. B. Risiko von Erdbeben, Lawinen, Stürmen oder Hochwasser-Ereignisse.
Verhältnisse am Mikrostandort
z. B. Außenluftqualität, Außenlärmpegel, Baugrundverhältnisse, Bodenbelastungen, Stadt- und Landschaftsbild.
Image und Zustand von Standort & Quartier
z.B . Synergie- und Konfliktpotenziale, Kriminalitätsrate, Pflege- und Erhaltungszustand (Sauberkeit, Verkehr, Begrünung, Belebung, Leerstand).
Verkehrsanbindung
z. B. Erreichbarkeit des nächsten Hauptbahnhofs, der nächsten ÖPNV-Haltestelle und Anschluss an Fußund Radwegnetze.
Nähe zu nutzungsspezifischen Einrichtungen
z. B. Gastronomie, Parkanlagen und Freiräume, Bildungseinrichtungen, öffentliche Verwaltung, medizinische Versorgung, Sportstätten.
Anliegende Medien/Erschließung
z. B. Erdgas-, Nah- und Fernwärme-Versorgungsnetze, Potenzial für Photovoltaik und Solarthermie, Internetanschluss, Möglichkeit zur Regenwasserversickerung.
Auch wenn Sport-, Freizeit- und Erholungsflächen in der Regel einen wesentlich geringeren Versiegelungsgrad aufweisen als beispielsweise Verkehrsflächen, gilt es auch hier, vor allem die Neuversiegelung von natürlichem Boden nach Möglichkeit zu vermeiden. Um die aktuell um rund 25 Hektar pro Tag zunehmende Versiegelung von natürlichem Boden in Deutschland (eine Fläche von ca. 35 Fußballfeldern) langfristig einzudämmen, hat es sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt, die tägliche Neuversiegelung bis zum Jahr 2030 auf weniger als 30 Hektar pro Tag zu reduzieren und bis zum Jahr 2050 den Übergang zur „Flächenkreislaufwirtschaft“ (Flächen sollen künftig nach dem Ansatz „vermeiden, verwerten, ausgleichen“ möglichst sparsam genutzt werden) zu meistern.
Die zunehmende Flächenversiegelung geht mit erheblichen Auswirkungen sowohl auf das regionale als auch das globale Klima einher: Regenwasser kann nicht mehr versickern, wodurch mit wesentlichen Qualitäts- und Quantitätseinbußen der örtlichen Grundwasservorräte zu rechnen ist. Die regionale Biodiversität nimmt aufgrund fehlender fruchtbarer Böden für Pflanzen deutlich ab, Lebensräume von Tieren werden eingeschränkt.
Aus versiegelten Flächen kann kein Wasser verdunsten, vor allem im Sommer steigen die Temperaturen über großflächig versiegelten Böden merklich an. Versiegelte Flächen erhöhen das Risiko von verheerenden Überschwemmungen und Flutkatastrophen immens, da der Boden selbst kaum noch Wasser aufnehmen kann und künstlich geschaffene Überlaufbecken, Kanalisationen oder vergleichbare Entwässerungslösungen bei Starkregenereignissen schnell an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.
Hinzu kommt, dass sich einmal versiegelte Flächen nur mit hohem Kosten- und Arbeitsaufwand renaturalisieren lassen. Ist der Boden einmal versiegelt, leidet die Bodenfauna und -fruchtbarkeit über die Jahre immens, im Renaturalisierungsprozess zurückgelassene Beton-, Asphalt- oder Kunststoffreste erschweren den Prozess der Renaturalisierung zusätzlich. Selbst wenn aufwendig und fachmännisch durchgeführt, ist die Renaturalisierung ein Prozess, der sich über Jahrzehnte ziehen kann – und selbst dann wird man am bearbeiteten Standort wohl nie wieder dieselbe Bodenqualität und -fruchtbarkeit erreichen wie vor der Versiegelung.
Entsprechend wichtig ist es, bereits bei der Standortwahl darauf zu achten, nach Möglichkeit auf bereits bebaute bzw. versiegelte Flächen zu setzen, anstatt die neue Sporthalle oder den neuen Sportplatz „auf die grüne Wiese“ zu bauen. Zusätzlich sollten nach Möglichkeit ökologische Ausgleichsflächen geschaffen werden, um die Regenwasserversickerung und Wasserverdunstung zu ermöglichen, die Biodiversität zu erhalten und Rückzugsorte für die örtliche Fauna zu schaffen. (Sportplatzwelt, 22.07.2026)




