Der nachhaltige Sportverein
Wirklich nachhaltiger Sport funktioniert nur, wenn alle Mitarbeiter und Mitglieder an einem Strang ziehen. Aufgabe des Vereins ist es hier vor allem, für den bewussten Umgang mit verschiedenen Ressourcen zu sensibilisieren.
Eine ökologisch und sozial nachhaltige Sportstättenlandschaft, die einen positiven Beitrag zum Klimaschutz leistet, den Ressourcenverbrauch im Betrieb so weit wie möglich reduziert und jedem Menschen unabhängig von seinem sozialen oder kulturellen das Sporttreiben ermöglicht, bildet die Basis für nachhaltigen Sport.
Auf der anderen Seite sind hier vor allem kleineren Vereinen oft die Hände gebunden, da es – insofern es sich nicht um einen Großsportverein mit eigenen Sportstätten handelt – die in Deutschland vorherrschenden Eigentumsverhältnisse nur in den seltensten Fällen erlauben, hier selbständig Investitionen zu tätigen – ganz abgesehen von der defizitären Finanzlage vieler Sportvereine.
Kommunen sind mit rund zwei Dritteln aller Sportstätten in Deutschland nach wie vor der größte Träger des Breitensports und demnach auch für Instandhaltungs- und Modernisierungsmaßnahmen verantwortlich. Ein Blick auf den deutschlandweiten Sanierungsstau vieler kommunaler Sportanlagen zeigt allerdings auch, dass auch hier das Geld oft knapp ist, um nachhaltige Infrastrukturmaßnahmen realisieren zu können, weshalb hier oft einzelne Sportstätten priorisiert werden müssen.
Porträt: Der nachhaltigste Sportverein Deutschlands
Der FC Internationale Berlin ist der erste nachhaltig zertifizierte Amateursportverein Deutschlands und zeigt, welche vielfältigen Möglichkeiten Sportvereine haben, sich für ökologische und soziale Ziele einzubringen.
Wirklich nachhaltiger Sport funktioniert also nur, wenn alle Mitglieder und Mitarbeiter im Verein an einem Strang ziehen, dieselbe Auffassung von Nachhaltigkeit und Umweltschutz vertreten und sich gegenseitig für nachhaltiges Handeln sensibilisieren.
Gerade Sportvereine bieten hier das Potenzial, einen echten gesellschaftspolitischen Einfluss zu nehmen und so langfristig auch für ein Umdenken in der Bevölkerung zu sorgen. Dabei sind die Stellschrauben, an denen die Vereinsverantwortlichen drehen können, um ein nachhaltigeres Handeln im Verein zu etablieren, vielfältig.
Eine Priorisierung des einen oder anderen Themas sollte deshalb immer auch nach den individuellen Gegebenheiten im Verein erfolgen. Denn nicht alle Maßnahmen sind gleichermaßen erfolgsversprechend und während einige Maßnahmen sich vermutlich vergleichsweise einfach und schnellumsetzen lassen, erfordern andere wiederum teilweise erheblichen Planungsaufwand und lange Vorlaufzeiten.
Der Status Quo
Um den ökologischen Fußabdruck eines Sportvereins langfristig zu minimieren, lohnt es sich, zunächst zu ermitteln, in welchen Bereichen die meisten Emissionen anfallen und auf Basis dessen eine Prioritätenliste mit umzusetzenden Maßnahmen zu erstellen. Hierbei kann beispielsweise der 2023 als Gemeinschaftsprojekt des Freiburger Kreises, des TSC Eintracht Dortmund, Sports for Future und myclimate entwickelte CO2-Rechner für Sportvereine: Durch das Gemeinschaftsprojekt erhalten Amateurvereine erstmals eine frei zugängliche und kostenfreie Möglichkeit, ihren CO2-Fußabdruck zu berechnen.
Dafür werden u. a. Daten der Mobilität zu Wettkämpfen, Sportevents, Energie- und Wasserverbrauch und Müllentstehung erfasst. Vor allem kleine Breitensportvereine, denen die personellen und finanziellen Ressourcen für die Erfassung der eigenen Emissionen und klimawirksamen Potenziale fehlen, erhalten so schnell und einfach Handlungsmöglichkeiten für Reduktionsmaßnahmen.
Ziel dieses niedrigschwelligen Ansatzes ist es dabei nicht nur, den tatsächlichen CO2-Fußabdruck eines Vereins zu berechnen, sondern vor allem auch das Bewusstsein für die entstehenden Emissionen in den Strukturen deutscher Sportvereine nachhaltig zu verankern sowie das Verständnis für den Klimaschutz und für den eigenen CO2-Fußabdruck bei Sportvereinen nachhaltig zu stärken, um Impulse zur CO2-Vermeidung und -Reduktion gezielt zu setzen – in den Vereinen selbst, aber auch darüber hinaus.
Sensibilisierung: Ressourcenverbrauch
So innovativ und ressourcenschonend einige technische Lösungen für die Minimierung des Wasser- und Energieverbrauchs auch sein mögen, letzten Endes ist es vor allem auch immer der Faktor Mensch, von dessen Verhalten der Wasser- und Energieverbrauch maßgeblich abhängt. Moderne Anlagen und Technologien sowie die Automatisierung liefern die Grundlage, um Energie, Wasser und somit schlussendlich auch Kosten einzusparen, schlussendlich entscheidet aber der Nutzer selbst, ob und wie viel Wasser beispielsweise entnommen wird. In diesem Sinne gehört es auch zum Sparkonzept – und dies sollte in aller Regel eine der ersten durchzuführenden Maßnahmen sein –, Mitglieder und Mitarbeiter für ihre täglichen Verbräuche zu sensibilisieren und zu informieren.
Im Sportverein mit engem Bezug zu den Mitgliedern darf der Wasserverbrauch thematisiert und die Zusammenhänge zwischen Verbrauch jedes Einzelnen und den gesamten Betriebskosten des Vereins sowie den daraus eventuell resultierenden Auswirkungen auf die Mitgliedsbeiträge dargestellt werden. Dort, wo weniger Bindung zwischen dem Verbraucher und Objekt besteht – etwa in Zuschauerbereichen oder im vereinseigenen Fitnessstudio – mögen Hinweisschilder oder Plakatkampagnen mit starkem Aufforderungscharakter auf die globale Bedeutung eines gewissenhaften Umgangs mit dem Wasser eine kleine aber dennoch spürbare Wirkung zeigen. Entsprechende Materialien (z. B. Plakate, Infobroschüren), etwa zu den 17 Social Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen, können in einigen Fällen auch über den zuständigen Landessportbund angefragt werden.
Nachhaltige Beschaffung
Beim Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit im Sportverein spielen auch Sportkleidung, Merchandise und andere Sportartikel wie die im Training und bei Spielen verwendeten Bälle eine nicht zu vernachlässigende Rolle: Schätzungen verschiedener Experten zufolge liegen allein die CO2-Emissionen der Textilbranche bei 1.200 bis 1.715 Mio. Tonnen pro Jahr und somit höher als die des gesamten internationalen Flug- und Schiffverkehrs zusammen.
Waren bislang vor allem Optik, Verarbeitungsqualität, Langlebigkeit und Eignung für die jeweilige Sportart zentrale Kriterien bei der Beschaffung von Textilprodukten, Merchandise-Artikeln und Sportartikeln, gilt es heute, über den Tellerrand hinauszublicken und sich die gesamte Produktionskette der Textilhersteller vor Augen zu führen. Dabei sollte nicht nur auf das verarbeitete Material geachtet werden, um beispielsweise die ökologisch nachhaltige Produktion und die Verwendung ökologisch nachhaltiger Rohstoffe zu garantieren, sondern vor allem auch auf die Produktionsbedingungen vor Ort: Faire Löhne, die Arbeitsplatzsicherheit, Schutzmaßnahmen gegen (sexualisierte) Gewalt gegenüber Frauen oder freie Gewerkschaften sind hier zentrale Aspekte.
Da aber aus wirtschaftlichen Gründen auch viele Hersteller, die sich der nachhaltigen Textilproduktion verschrieben haben, nach wie vor im Ausland produzieren, wird sich in der Realität kein Vereinsverantwortlicher jemals ein Bild von der tatsächlichen Situation vor Ort machen können. Hier kommen die verschiedenen Zertifizierungen und Labels ins Spiel, die dem Verein helfen, Produkte anhand der von ihm selbst aufgestellten Nachhaltigkeitskriterien auszuwählen.
Da verschiedene Nachhaltigkeitsaspekte bei den verschiedenen Labels aber teils unterschiedlich gewichtet werden, lohnt sich ein Blick auf die Websites unabhängiger Stellen wie der Christlichen Initiative Romero e.V. (CIR) oder der vom Bund geförderten Initiative „Sport handelt fair“, die detaillierte Bewertungen der einzelnen Labels vornehmen.
Abfallvermeidung
Eine weitere wichtige Stellschraube, an der Vereine drehen können, um ihren ökologischen Fußabdruck zu minimieren, liegt im Bereich Catering und Gastronomie – nicht nur an Spieltagen oder während größerer Turniere, sondern vor allem auch im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Vereinsfeste oder Mitgliederversammlungen.
Hier gilt es neben dem Einsatz regionaler Produkte aus nachhaltiger und vor allem regionaler Produktion vor allem auch um die Abfallvermeidung – und hier nicht nur um Verpackungsmüll, sondern vor allem auch Lebensmittelabfälle.
Hinter der Vermeidung von Lebensmittelabfällen steht dabei aber nicht nur ein ökologischer Gedanke, sondern vor allem auch ein monetärer: Die sichtbaren Entsorgungskosten seien dabei nämlich nur die Spitze des Eisbergs, wie WWF und United Against Waste e.V. in ihrer Publikation „Weniger ist mehr – Warum es sich rechnet, Lebensmittelabfälle systematisch zu betrachten und zu reduzieren“ betonen: „Weitere Ausgaben entstehen z. B. für die Energie bei der Lagerung, Produktion und Ausgabe sowie für das Personal bei der Zubereitung, Ausgabe und Entsorgung der Lebensmittel. Schätzungen gehen davon aus, dass die Gesamtkosten zehnmal höher liegen als die reinen Entsorgungskosten.“
Schätzungen von United Against Waste e.V. zufolge koste ein Liter Lebensmittelabfall entlang der gesamten Wertschöpfungskette mindestens zwei Euro. Bei einer Abfalltonne mit 240 Litern Fassungsvermögen entspreche dies rund 480 Euro.
Dabei stellt allein die umfangreiche Erfassung aller Lebensmittelabfälle einen ersten Schritt zur Abfallreduzierung dar, als dass durch die Vorlage reeller Zahlen bereits eine erste Form der Sensibilisierung stattfindet und Mitarbeitende wie Mitglieder in der Folge ihre Konsumgewohnheiten eventuell zu überdenken beginnen. Die Erfassug und Analyse aller Lebensmittelabfälle im Verein stellt dabei auch den ersten Schritt hin zu einem Food-Waste-Management-System dar, im Rahmen dessen Vereine ihre Lebensmittelabfälle um 30 % bis 50 % reduzieren können.
Weitere konkrete Maßnahmen, um die im Verein anfallenden Abfälle zu reduzieren umfassen beispielsweise den Verzicht auf Einweg-Geschirr und -Besteck, eine verstärkte Sensibilisierung für Mülltrennung und Recycling sowie den Verkauf unverpackter oder in größeren Behältern verpackter Speisen und Snacks.
Nachhaltige Mobilität
Schlussendlich sollte die Sensibilisierung von Mitarbeitenden und Mitgliedern aber bereits an der eigenen Haustür beginnen, schließlich stellen auch ihre Mobilitätsgewohnheiten einen wesentlichen Faktor bei der Reduzierung des CO2-Fußabdrucks eines Sportvereins dar. Auch hier gilt es zunächst einmal, alle Betroffenen für das Thema zu sensibilisieren.
Sind Vereine vor allem hinsichtlich der Erreichbarkeit ihrer Sportstätten mit dem Fahrrad oder ÖPNV in aller Regel an die städteplanerischen Entscheidungen der Kommune gebunden, die letzten Endes über den Ausbau der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur entscheidet, ist es vor allem die Individualmobilität, im Rahmen derer Vereine echte Anreize schaffen können.
Dies kann beispielsweise die Einrichtung einer digitalen Plattform für Fahrgemeinschaften, Gutscheine oder Rabatte für Mitglieder, die nachweislich nachhaltige Verkehrsmittel nutzen oder spezielle Events und „Challenges“ zum Thema nachhaltige Mobilität umfassen. Auch eine umfassende Ausstattung mit Fahrradständern oder Radabstellanlagen auf dem Vereinsgelände kann ein erster Anreiz sein, öfter mit dem Rad zum Training zu fahren. Wichtig ist aber auch hier, dass der Verein regelmäßig in den Dialog mit den Mitgliedern geht, um die Gewohnheiten und Bedürfnisse seiner Mitglieder besser kennenzulernen und daraus spezifische und gezieltere Maßnahmen ableiten zu können.
Nachhaltigkeits-AG
Dass sich ein durch und durch nachhaltiger Sportverein nicht von heute auf morgen realisieren lässt,muss dabei allen Beteiligten von Anfang klar sein. Viel mehr handelt es sich beim Themenkomplex Nachhaltigkeit um einen laufenden Prozess, den es stetig zu hinterfragen gilt. Da dies auch mit einem – je nach Umfang der Maßnahmen – teils erheblichen Zeitaufwand verbunden ist, lohnt es sich für Vereine, die sich mehr in Sachen Nachhaltigkeit engagieren wollen, hierfür einen speziellen Nachhaltigkeitsbeauftragten zu benennen, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Auch Vereine, die nicht über entsprechende personelle Ressourcen verfügen, sollten sich dem Thema nicht verschließen wie Gerd Thomas, 1. Vorsitzender des FC Internationale Berlin, der seit 2021 über einen Nachhaltigkeitsbeauftragten und eine 15-köpfige AG Nachhaltigkeit verfügt, anmerkt: „Eine Stelle können nicht alle mal eben schaffen. Kleinere und mittlere Vereine könnten sich aber zusammentun und einen Nachhaltigkeitsbeauftragten für gleich vier oder fünf Clubs schaffen. Das ist eher umsetzbar und schafft zudem Vernetzung.“ Die AG Nachhaltigkeit setzt sich dabei vor allem aus engagierten Vereinsmitgliedern zusammen und erarbeitet in regelmäßigen Sitzungen neue Ideen und Ansätze, die Nachhaltigkeit im Sportverein weiter voranzutreiben. (Sportplatzwelt, 12.02.2026)



