Porträt: Der nachhaltigste Sportverein Deutschlands
Der FC Internationale Berlin ist der erste nachhaltig zertifizierte Amateursportverein Deutschlands und zeigt, welche vielfältigen Möglichkeiten Sportvereine haben, sich für ökologische und soziale Ziele einzubringen.
Viele Vereine in ganz Deutschland versuchen, sich deutlich mehr in Sachen Nachhaltigkeit zu engagieren. Während sich hierbei die Bemühungen häufig auf einzelne infrastrukturelle Maßnahmen oder temporäre Projekte beschränken, zeigt ein Fußballverein aus der Bundeshauptstadt, dass nachhaltiges Handeln nicht am Spielfeldrand enden muss und engagiert sich in quasi allen Bereichen sowohl inner- als auch außerhalb des Vereins für ein sozial gerechtes und ökologisch nachhaltiges Miteinander.
Seit 2021 ist der FC Internationale Berlin der erste vom Zentrum für nachhaltige Unternehmensführung (ZNU) zertifizierte Amateursportverein Deutschlands. Es folgten zahlreiche weitere Auszeichnungen und Preise für das umfassende Nachhaltigkeitsengagement des Berliner Fußballclubs: Vom Responsible Sports Award in der Kategorie Breitensport (2022) über den Goldenen Stern des Sports auf Bundesebene (2022) bis hin zum GASAG-Umwelteuro Publikumspreis und dem Innovationspreis des Berliner Sports in der Kategorie Nachhaltigkeit (beide 2024) – um nur einige der insgesamt mehr als 20 Auszeichnungen und Preise zu nennen, die der Verein seit 2007 für sein nachhaltiges Engagement erhalten hat. Ein Engagement, das bis ins Gründungsjahr 1980 zurückreicht, wie 1. Vorsitzender Gerd Thomas erklärt: „Schon in den Gründungsjahren veranstaltete der FC Internationale Friedensturniere – übrigens gegen den Widerstand des West-Berliner Fußballverbands VBB –, wurde auf den Trikots der Erhalt von Arbeitsplätzen gefordert. In den 1990er Jahren wanderte dann das ‚NO RACISM‘ auf die Spielerbrust, heute unser zweites Logo.“

Unter der Leitung eines eigenen Nachhaltigkeitsbeauftragten setzt sich der Verein für jede Spielzeit ambitionierte Ziele, die es im Laufe der Saison zu realisieren gilt. So wurden beispielsweise allein für die Saison 2023/24 insgesamt neun Ziele formuliert – von einer klimabewussten und barrierearmen Website über die nachhaltige Ausschreibung von Spiel- und Trainingsequipment bis hin zur Erfassung der gesamten Scope 3-Emissionen des Vereins.
Bei der Formulierung und Ausarbeitung dieser und vergangener Ziele orientieren sich die Vereinsverantwortlichen stets an den allseits bekannten 17 globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung der UN (SDGs), die weltweit der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung dienen sollen. Diese weitreichenden Nachhaltigkeitsziele der UN sowie die Tatsache, dass sich Nachhaltigkeit eben nicht nur auf ökologische Themen beschränkt, sondern auch ökonomische und soziale Gesichtspunkte gleichrangig behandeln sollte, bilden heute die Basis für das umfassende Engagement des Berliner Fußballvereins.

Sportverein: Schule der Demokratie
„Ambitionierter Fußball und gesellschaftliches Engagement schließen sich nicht aus. Im Gegenteil, beides sollte die Regel sein“, so Thomas. Im Mittelpunkt der Bemühungen des FC Internationale stehen deshalb nicht nur Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung, sondern vor allem solche mit einem weitreichenden gesellschaftlichen Einfluss. Thomas: „Fußball wird häufig als Spiegelbild der Gesellschaft bezeichnet, der Sportverein gar als ‚Schule der Demokratie‘. Dieser Herausforderung stellen wir uns. Heute mehr als jemals zuvor, denn es stand schon mal besser um Zusammenhalt, Umwelt und Demokratie. Wir sind seit 2007 sogenannter Integrationsstützpunkt und haben 70 verschiedene Nationalitäten im Verein. Also fühlen wir uns Teilhabe und Vielfalt verpflichtet. Eigentlich sollte das nichts Besonderes sein, sondern der Normalfall – gerade in einer Weltmetropole wie Berlin.“
Sport im Allgemeinen, vor allem aber der Fußball besitze diesbezüglich ein erhebliches Potenzial, Einfluss auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen und mit gutem Beispiel voranzugehen.
„Wir können mit dem Fußball so viele Werte transportieren, viele junge Menschen im Verein besser erreichen als an anderen Stellen. Gesunde Ernährung und Lebensweise, Achtsamkeit, Solidarität, Freundschaften, Respekt, Umweltbewusstsein, Durchhaltevermögen – es gibt so viele wichtige Dinge, die man in seinem Team lernen kann“, erklärt Thomas. „Ich halte es mit dem Literatur-Nobelpreisträger und Fußballer Alber Camus, der sagte: ‚Alles, was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball.“
Kernthema: Nachhaltige Infrastruktur
Eine nachhaltige Sportstätteninfrastruktur bildet dabei selbstverständlich die Basis für einen nachhaltigen Sportverein – so auch in Berlin. Zumindest sollte sie das, wenn es nach dem Vorsitzenden geht: „Wenn ich sehe, wie wenig nachhaltige Gesichtspunkte beim Bau und der Sanierung Berliner Sportstätten berücksichtigt werden, dann ist das ein Dauerthema. Energieintensives Flutlicht mit minimalen Lux-Werten, ein minderwertiger Kunstrasen, der permanent Verletzungen verursacht – das demoralisiert uns und die Aktiven. Das Zustandekommen einiger Entscheidungen in Sachen Sportinfrastruktur ist schwer nachzuvollziehen.“
Entscheidungen, die in der Vergangenheit auch den FC Internationale und die ihm zur Verfügung stehenden Sportanlagen betroffen haben: So musste der Verein bei der Bezirksverwaltung lange um die nachhaltige Verfüllung eines seiner sanierungsbedürftigen Kunstrasenplätze mit Kork kämpfen. Dem Berliner Fußballverein stehen mehrere Kunstrasenplätze zur Verfügung, zwei davon (die „Inter-Arena“ und der Kunstrasenplatz an der Ella-Barowsky-Straße) ganz. Thomas: „Leider sind diese nicht in einer zusammenhängenden Sportanlage gebündelt, was die Logistik nicht ganz einfach macht. Der Sportstättenmangel in der Hauptstadt ist legendär, es fehlen allein für den Amateurfußball 400 Mio. Euro an Sanierungsgeldern. Gerade in den Innenstädten platzen die gut geführten Vereine aus allen Nähten.“
Zwar gebe es im Bezirk Tempelhof-Schöneberg inzwischen ein sehr motiviertes Sportamt, aber der „finanzielle Kahlschlag“ des Berliner Senats lasse keine Spielräume für eine zeitgemäße Sportanlagenplanung zu. So sei nicht nur der vom FC Internationale vorgeschlagene Bürgersportpark derzeit kein Thema bei den zuständigen Entscheidern, auch am generellen Zustand vieler Berliner Sportstätten müsse sich nach Thomas‘ Auffassung noch einiges tun: „Das Kernthema ist die nachhaltige Sportanlage. Schon jetzt können wir guten Gewissens im Sommer keine Kinderturniere in der Mittagshitze durchführen. Es fehlen oft Schattenplätze, Wasserspender, Aufenthaltsräume zum Abkühlen. Schlechte Kunstrasenplätze, die in Berlin die Regel sind, müssten eigentlich fünf- bis sechsmal täglich gewässert werden – ein Wahnsinn.“

Mitgliedergewinnung und Engagement
Heute zählt der 1980 von 20 engagierten Fußballern gegründete Verein mehr als 1.300 Mitglieder – und ist seit seiner Gründung bis heute ein reiner Amateurfußballverein, der seinen Spielerinnen und Spielern auch in den höheren Berliner Spielklassen keine Auflaufprämien oder versteckten Honorare zahlt und zahlen will. Mehr als die Hälfte der Vereinsmitglieder sind Kinder und Jugendliche. Mehr als 70 ehrenamtliche Trainer und Betreuer – davon mehr als 20 mit DFB-Lizenzen – betreuen die mehr als 50 Teams in allen Altersklassen. Zehn der 50 Teams spielen dabei in den jeweils höchsten Berliner Ligen.
„Ich würde schon sagen, dass wir mehr als nur ein Fußballverein sind“, so Gerd Thomas. „Das zeigt das vielfältige Engagement, ob nun in Sachen Nachhaltigkeit, Flüchtlingshilfe, Ehrenamtsentwicklung oder dem klaren Kampf gegen Rassismus.“ Themen, mit denen sich viele Vereine tagtäglich konfrontiert sehen, auf die der Berliner Fußballclub aber gemeinsam mit seinen Mitgliedern und einer engagierten Zivilgesellschaft, die sich immer wieder in der eigens gegründeten „AG Nachhaltigkeit“ für neue Ideen und Themen stark macht, Antworten zu finden versucht.
Schlussendlich profitieren aber nicht nur die Stadt Berlin, die Umwelt und die Gesellschaft vom nachhaltigen Engagement des FC Internationale, sondern vor allem auch der Verein selbst, wie Thomas erklärt: „Durch die gewonnenen Preise und die damit verbundene Öffentlichkeit erfahren die Menschen vom FC Internationale Berlin, was dazu führt, dass viele zu uns wollen. Wir führen keine Wartelisten mehr, kriegen diese ohnehin nicht bewältigt. Würden wir es tun, stünden da sicher mehr als 500 meist junge Menschen drauf. Obwohl wir keine Werbung für den Verein machen, kommen wir mit den Absagen kaum noch hinterher. Das ist ein echtes Problem, denn die Leute sind enttäuscht, wenn sie keinen Platz oder erst sehr verspätet eine Antwort erhalten. Uns tut das wirklich leid, aber wir sind ein bisschen Opfer des eigenen Erfolgs und ob der vielen Anfragen inzwischen manchmal überfordert und auch frustriert. Kein leidenschaftlicher Jugendleiter oder Trainer sagt gerne Kindern, er könne sie nicht aufnehmen. Aber es geht wirklich nicht. In unserem Gebiet am Südkreuz werden Wohnungen für 5.000 Menschen gebaut, aber kein Millimeter zusätzlicher Sportfläche. Das ist eigentlich ein Skandal, aber in Ballungsräumen leider die Regel. Der Amateurfußball hat keine ausreichende Lobby.“
Nachhaltigkeit: Ein stetiger Prozess
Dass sich ein durch und durch nachhaltiger Sportverein nicht von heute auf morgen realisieren lässt, ist dabei auch den Verantwortlichen beim FC Internationale klar: Viel mehr verstehen die Berliner Nachhaltigkeit als einen laufenden Prozess, den es stetig zu hinterfragen gilt. Seit 2021 setzt sich der Verein deshalb für jede Saison bis zu zehn Nachhaltigkeitsziele, deren Umsetzung laufend analysiert, dokumentiert und Zielsetzungen unter Umständen angepasst werden. Dabei nimmt der Verein sowohl die Öffentlichkeit als auch seine Mitglieder bei jedem Schritt mit und veröffentlicht seine Zielsetzungen und deren Umsetzung laufend auf der Vereinswebsite.
In vielen Vereinen scheitern größere Nachhaltigkeitsziele und deren konsequente Umsetzung unter Umständen an der ohnehin prekären Lage des Ehrenamts und der generell angespannten Personalsituation in vielen überwiegend ehrenamtlich geführten Vereinen.
Um Nachhaltigkeitsziele konsequent vorantreiben zu können, hat der FC Internationale Berlin deshalb 2021 die Stelle eines Nachhaltigkeitsbeauftragten geschaffen. Ein zusätzlicher hauptamtlicher (halbe Stelle) Koordinator für Nachhaltigkeit und Engagement organisiert Projekte und Workshops und kümmert sich gemeinsam mit dem sportlichen Bereich auch um Merchandising und Spielbekleidung. Zudem leitet er die AG Nachhaltigkeit, die zeitweise aus mehr als 15 Menschen besteht und sich um verschiedenste Themen und Bereiche kümmert. Auch Thomas ist sich der personellen Herausforderungen, mit denen sich viele seiner Kollegen in anderen Vereinen konfrontiert sehen, durchaus bewusst: „Eine Stelle können nicht alle mal eben schaffen. Kleinere und mittlere Vereine könnten sich aber zusammentun und eine(n) Nachhaltigkeitsbeauftragte(n) für gleich vier oder fünf Clubs schaffen. Das ist eher umsetzbar und schafft zudem Vernetzung.“ So könne man auch einiges voneinander lernen.
Generell sei vor allem die Vernetzung und der regelmäßige Austausch mit anderen Vereinen essenziell, um Nachhaltigkeitsprojekte und -maßnahmen voranzutreiben, so Thomas: „Lieber gut bei anderen kopieren als schlecht selbst erfinden.“
Einer der größten Hebel für mehr Nachhaltigkeit im Sportverein, dessen sich nach Ansicht von Thomas die meisten Vereine bedienen können, ist vor allem in den Bereichen Catering und Sportartikel zu finden. Thomas: „Aber das ist ein dickes Brett in einer Sportart, die Bier und Bratwurst als Lebenselixier betrachtet.“ So versucht der Verein derzeit, Nachhaltigkeitskriterien als festen Bestandteil des Vergabeprozesses in Ausschreibungen für Trainings- und Wettkampfbekleidung zu integrieren und will mittelfristig 80 % seiner Catering-Produkte aus regionaler Herkunft und Bio-Produktion beziehen; bei den Feriencamps für Kinder wird auf fleischarme Ernährung geachtet. Thomas: „Wenn ich sehe, dass es im multiethnischen Berlin vielerorts immer noch nur Schweinefleisch gibt, frage ich mich schon, wie zeitgemäß unser Sport ist – von Bio ganz zu schweigen.“
Neben der nachhaltigen Beschaffung von Produkten und Lebensmitteln für Catering und Gastronomie liegt das Augenmerk der Berliner aber vor allem auch auf nachhaltigem Trainingsequipment sowie nachhaltiger Sport- und Trainingsbekleidung. Merchandise-Artikel im Fanshop wurden dabei bereits 2022/23 auf fair gehandelte, ökologische und entsprechend zertifizierte Produkte umgestellt. Die Trainings- und Spielbekleidung stand vor allem in dieser Saison im Fokus. Thomas: „Fair-Trade-Bälle sind nicht schlechter als die aus Kinderarbeit hergestellten der großen Sportmarken. Dass die es nicht schaffen, ein wirklich nachhaltiges Trikot auf den Markt zu bringen und es dafür den FC Internationale braucht, ist wirklich ein Trauerspiel, das sich rein an Gewinnmargen orientiert.“
Gesagt, getan: Im Herbst 2024 hat der FC Internationale gemeinsam mit NochMall, dem Gebrauchtwarenkaufhaus der Berliner Stadtreinigung (BSR), das erste 100 % nachhaltige Fußballtrikot entwickelt: „DAS TRIKOT“ besteht ausschließlich aus „cradle-to-cradle“-zertifizierten Materialien und soll neue Standards in Sachen Materialgesundheit, Kreislauffähigkeit sowie faire und transparente Lieferketten setzen. Thomas: „Wir stellen DAS TRIKOT zusammen mit den Firmen runamics und Hakro her. Wir hätten das auch gern mit den Marktführern getan, aber leider fehlen denen die Fantasie und der Wille, sich in die nachhaltige Herstellung vorzuwagen.“
Noch lange nicht Schluss
Die bislang in die Wege geleiteten oder bereits umgesetzten Projekte stellen für die Verantwortlichen beim FC Internationale Berlin aber nur die ersten Schritte auf der Reise zum nachhaltigen Sportverein dar. Thomas: „Momentan liegt unser Augenmerk auf dem ersten voll kreislauffähigen Trikot der Welt. Wir wollen uns aber auch mehr um die Einbindung von Eltern kümmern, die Digitalisierung voranbringen und nicht zuletzt die von uns vor einigen Monaten gegründete Stiftung mit Leben füllen.“
Um sein gesellschaftliches Engagement auch abseits des Sports weiter vorantreiben zu können, hat der Verein im März 2024 mit der INTERACTION gGmbH eine eigene Stiftung gegründet, über die Privatpersonen und Unternehmen Spenden für gemeinnützige Zwecke tätigen können. Zusätzlich wurde ein „passives“ Mitgliedschaftsmodell eingeführt, im Rahmen dessen sich gewillte Unterstützer auch ohne Inanspruchnahme der sportlichen Angebote des Vereins mit einem monatlichen Beitrag von 12 Euro in die zahlreichen Projekte des Vereins einbringen können. Thomas: „In der INTERACTION-Stiftung können Projekte geplant und realisiert werden, die sich unter anderem mit der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit beschäftigen. Hierfür brauchen wir Unterstützung von außen. Die Ideen sind da, z. B. die Schaffung einer Sozialarbeiterstelle zur Unterstützung unserer Trainerinnen und Trainer. Gerade im Hinblick auf schulische oder familiäre Themen, aber auch beim Jobcoaching oder der Verbindung von Sport und dem restlichen Leben, besteht viel Beratungsbedarf, den die Coaches nicht leisten können.“ Aber auch die Stärkung des Ehrenamts sei – wie bei den meisten Vereinen in ganz Deutschland – ein Dauerthema, mit dem sich der Verein wohl auch in den kommenden Jahren beschäftigen wird. Thomas: „Die Herausforderungen für den Amateurfußball werden nicht weniger, unsere Ideen glücklicherweise auch nicht.“ (Sportplatzwelt, 11.12.2024)







