„Paralympische Spiele können ein Impulsgeber sein“
Im Interview spricht Marc Möllmann, Vorstand Leistungssport und Sportdirektor beim Deutschen Behindertensportverband (DBS) sowie Chef de Mission bei den Paralympics 2026 in Mailand und Cortina, über die Chancen Paralympischer Spiele in Deutschland.

Möllmann: Ja, eine Ausrichtung Paralympischer Spiele in Deutschland kann ein starker Impulsgeber für mehr Barrierefreiheit im Sport sein. Solche Großveranstaltungen schaffen Aufmerksamkeit, politischen Handlungsdruck und Investitionsbereitschaft. Vor allem bei Neubauten und Modernisierungen von Sportstätten besteht die Chance, Barrierefreiheit von Anfang an mitzudenken und langfristig als Standard zu etablieren. Gleichzeitig könnten auch öffentliche Infrastruktur, Mobilität und digitale Angebote nachhaltiger inklusiv gestaltet werden. Damit die positiven Effekte nicht nur auf die Austragungsorte begrenzt bleiben, braucht es allerdings klare politische Rahmenbedingungen und eine langfristige Strategie: Entscheidend wäre, dass Investitionen nicht ausschließlich in wenige Leuchtturmprojekte fließen, sondern bundesweit auch kommunale Sportstätten und Breitensportangebote profitieren. Dafür braucht es verbindliche Standards für Barrierefreiheit, eine enge Zusammenarbeit von Politik, Sportverbänden und Kommunen.
„Barrierefreiheit ist kein Nischenthema.“
Sportplatzwelt: Wie können Spiele dieser Größenordnung dabei helfen, das Thema Barrierefreiheit stärker in die öffentliche Wahrnehmung und in die kommunale Praxis zu rücken?
Möllmann: Paralympische Spiele haben das Potenzial, das Thema Barrierefreiheit mitten in die gesellschaftliche Diskussion zu bringen. Durch die große mediale Reichweite werden Menschen mit Behinderung sichtbar – mit ihren unglaublichen sportlichen Leistungen. Das kann helfen, bestehende Vorurteile abzubauen und den Blick auf Inklusion nachhaltig zu verändern. Gleichzeitig entsteht auch auf kommunaler Ebene ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Barrierefreiheit kein Nischenthema ist, sondern Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Städte und Gemeinden geraten dadurch stärker in die Verantwortung, öffentliche Räume, Mobilität und Sportangebote inklusiver zu gestalten. In diesem Sinne können Paralympische Spiele gesellschaftliche Entwicklungen beschleunigen und wichtige Debatten anstoßen.
„Inklusive Angebote dürfen keine kurzfristigen Prestigeprojekte bleiben.“
Sportplatzwelt: Welche positiven Impulse erwarten Sie für Menschen mit Behinderung, was ihre Motivation zum Sporttreiben und zur Teilhabe im organisierten Sport betrifft?
Möllmann: Ganz klar: Paralympische Spiele entfalten eine enorme motivierende Wirkung. Die Athletinnen und Athleten sind starke Vorbilder und zeigen, welche Möglichkeiten Sport eröffnen kann – unabhängig von einer Behinderung. Gerade für Kinder und Jugendliche kann das inspirierend sein und dazu beitragen, Hemmschwellen abzubauen. Darüber hinaus kann die erhöhte Aufmerksamkeit dazu führen, dass mehr inklusive Sportangebote entstehen und bestehende Strukturen verbessert werden. Wenn Sportstätten zugänglicher werden und Vereine stärker für Inklusion sensibilisiert sind, verbessert das auch die tatsächliche Teilhabe im organisierten Sport. Langfristig könnte dies dazu beitragen, mehr Menschen mit Behinderung für Bewegung und Sport zu gewinnen und ihre gesellschaftliche Teilhabe insgesamt zu stärken.
„Gerade für Kinder und Jugendliche kann das inspirierend sein.“
Sportplatzwelt: Was müsste vor, während und nach den Spiele konkret geschehen, damit diese gewonnene Aufmerksamkeit langfristige Verbesserungen in Sportstätten, Angeboten und Einstellungen?
Möllmann: Es wäre entscheidend, frühzeitig in barrierefreie Infrastruktur und inklusive Sportangebote zu investieren. Wichtig ist dabei, dass Barrierefreiheit nicht nur als technischer Standard verstanden wird, sondern als Grundvoraussetzung für Teilhabe.
Gleichzeitig sollten Menschen mit Behinderung aktiv in Planungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Während der Spiele müsste Inklusion sichtbar und selbstverständlich gelebt werden – etwa durch barrierefreie Veranstaltungsorte, inklusive Kommunikation und eine starke mediale Präsenz paralympischer Athletinnen und Athleten. So können positive Bilder von Vielfalt und Teilhabe entstehen. Nach den Spielen wird es vor allem darauf ankommen, die geschaffenen Strukturen nachhaltig weiterzuführen. Modernisierte Sportstätten und inklusive Angebote dürfen keine kurzfristigen Prestigeprojekte bleiben. Entscheidend ist, dass die Aufmerksamkeit genutzt wird, um langfristige Veränderungen in Politik, Sport und Gesellschaft anzustoßen und Inklusion dauerhaft im Alltag zu verankern. (Sportplatzwelt, 03.07.2026)
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