„Sport darf nicht auf Sondertöpfe angewiesen sein“

Im Interview mit Sportplatzwelt spricht Hardy Gnewuch, Präsident des Sportvereins Halle e.V., zur Sportmilliarde, dem Personal- und Fachkräftemangel sowie der Rolle der Sportvereine in der modernen Gesellschaft.

Hardy Gnewuch
Hardy Gnewuch Bild: SV Halle
Sportplatzwelt: Sportmilliarde und Nutzung des Sondervermögens auch für Sportinfrastruktur – machen Ihnen die aktuellen Ankündigungen aus der Politik Hoffnung oder sind die geplanten Investitionen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?
Gnewuch: Die politischen Ankündigungen rund um die „Sportmilliarde“ und das Sondervermögen für Sportinfrastruktur bewerten wir als Sportverein Halle grundsätzlich positiv. Es ist ein wichtiges Signal, dass der organisierte Sport endlich wieder stärker in den Fokus rückt. Die Erkenntnis, dass Sportförderung nicht nur Freizeitgestaltung, sondern gesellschaftliche Daseinsvorsorge ist, hat sich offenbar durchgesetzt. Denn klar ist: Jeder Euro, der in den Sport investiert wird, ist ein gut investierter Euro – für Gesundheit, Bildung, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Aber: Aus unserer Sicht reicht das nicht aus. Allein in den Kommunen beläuft sich der Investitionsstau bei Sportstätten laut Kommunalbefragungen des Deutschen Instituts für Urbanistik auf über 12 Mrd. Euro. Viele Sportanlagen sind in einem desolaten Zustand. Turnhallen, Schwimmbäder, Vereinsheime oder Kunstrasenplätze sind oft Jahrzehnte alt, energetisch ineffizient oder schlicht nicht mehr zeitgemäß.

Die angekündigten Mittel aus der „Sportmilliarde“ sind ein guter Anfang, aber gemessen am tatsächlichen Bedarf vieler Sportvereine eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Besonders für uns als Verein, der in vielen Bereichen über das rein Sportliche hinauswirkt, braucht es mehr. Was wir uns von der Politik wünschen:

1. Wir brauchen Mittel, mit denen wir langfristig planen können – nicht nur projektbezogene Einzelzuschüsse. Und diese Mittel müssen auch für kleine und mittlere Vereine erreichbar sein, ohne an komplizierten Antragsverfahren zu scheitern.

2. Wir übernehmen Aufgaben im Ganztagsbereich der Schulen, in der Inklusion, der Integration und der Gesundheitsförderung. Dafür braucht es verlässliche Strukturen, hauptamtliche Unterstützung und finanzielle Ressourcen – sonst gerät das Ehrenamt an seine Grenzen.

3. Der organisierte Sport darf nicht auf Sondertöpfe angewiesen sein. Es braucht eine dauerhafte sportpolitische Strategie mit fester Verankerung in kommunalen und staatlichen Haushalten. Sportpolitik muss Teil der Infrastrukturpolitik werden, vergleichbar mit Schulen oder ÖPNV.

Wir begrüßen die aktuellen Schritte – aber wir hoffen, dass sie nur der Anfang sind. Der gesellschaftliche Mehrwert von Sportvereinen wie dem unseren ist groß – jetzt müssen auch die Rahmenbedingungen entsprechend wachsen. Denn wir stehen bereit, unseren Beitrag zu leisten. Was wir brauchen, ist politische sowie finanzielle Verlässlichkeit, um das auch weiterhin mit Kraft und Qualität tun zu können.

„Authentische Einblicke machen das Ehrenamt greifbar und attraktiv“

Sportplatzwelt: Viele Vereine haben immer größere Schwierigkeiten, ehrenamtliches Personal für die Arbeit im Verein zu begeistern. Mit welchen Maßnahmen und Konzepten versucht Ihr Verein, zu einer attraktiven Anlaufstelle für (junge) Ehrenamtliche zu werden?
Gnewuch: Wie viele andere Vereine erlebt auch der SV Halle, dass es zunehmend schwieriger wird, Menschen – insbesondere junge – für ehrenamtliches Engagement zu begeistern. Um dem entgegenzuwirken, setzen wir auf verschiedene Maßnahmen und Konzepte. Zum Beispiel nutzt der SV Halle aktiv Social Media, um junge Menschen direkt anzusprechen. Wir zeigen dort nicht nur sportliche Erfolge, sondern auch den Einsatz hinter den Kulissen – z.B. aus dem Trainer- und Helferalltag. Authentische Einblicke machen das Ehrenamt greifbar und attraktiv.

Zusätzlich bieten wir viele niedrigschwellige Möglichkeiten, um in ein Ehrenamt hineinzuschnuppern – etwa als HelferIn bei Wettkämpfen, bei Feriencamps oder im Rahmen von Sportaktionen mit Schulen und Kitas. So können Interessierte unverbindlich erste Erfahrungen sammeln, bevor sie sich tiefer einbringen. Gerade junge Menschen wollen nicht nur „mitlaufen“, sondern gestalten. Deshalb fördern wir aktive Mitwirkung in der Organisation von Vereinsveranstaltungen oder in der Kinder- und Jugendarbeit. Wer eigene Ideen mitbringt, findet bei uns offene Ohren und echte Umsetzungsräume. Ehrenamtliches Engagement beim SV Halle ist auch ein Plus für den Lebenslauf. Wir unterstützen junge Engagierte bei Aus- und Weiterbildungen, z.B. durch die Finanzierung von Übungsleiterlizenzen und einer damit verbundenen Bindung an die Sportart für ein paar Jahre, oder im Bereich Kinderschutz, Kommunikation und Teambuilding.

Der SV Halle kooperiert mit Kindergärten, Schulen und Hochschulen sowie der Sportjugend Sachsen-Anhalt als Träger der Freiwilligendienste im Sport, um junge Menschen frühzeitig für ein Engagement zu gewinnen – sei es über Schulpraktika, das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), Praktika im Studium oder im Rahmen von Projekttagen und Sportfesten.

„Der organisierte Vereinssport bleibt ein unverzichtbarer sozialer Integrationsraum“

Sportplatzwelt: Welche Rolle spielt der organisierte Sport Ihrer Meinung nach heute noch als Integrationsort – gerade im Spannungsfeld von Individualisierung, Ganztagsschule und kommerziellen Sportangeboten?
Gnewuch: In einer zunehmend individualisierten Gesellschaft, in der Kinder und Jugendliche auch durch Ganztagsschulen zeitlich stark eingebunden sind und kommerzielle Sportangebote boomen, kommt dem organisierten Vereinssport eine zentrale Rolle als sozialer Integrationsort zu. Gerade für den Sportverein Halle ist der Vereinssport weit mehr als nur körperliche Betätigung – er ist ein Raum für Gesundheit, Bildung, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Der Trend zur Individualisierung führt dazu, dass viele Menschen ihre Freizeit unabhängig von kollektiven Strukturen gestalten. Sportvereine setzen hier einen bewussten Kontrapunkt: Sie fördern verbindliche Gemeinschaftserfahrungen und soziale Verantwortung. Gemeinsames Training, Mannschaftssportarten und Ehrenamt bieten Räume, in denen soziale Bindungen entstehen – unabhängig von Herkunft, Alter oder Status.

Die Ausweitung der Ganztagsschulen verändert das Zeitbudget junger Menschen erheblich. Der organisierte Vereinssport reagiert im Rahmen seiner Möglichkeiten darauf mit flexibleren Trainingszeiten, Kooperationen mit Schulen und integrativen Ganztagsangeboten. Für viele Kinder und Jugendliche bietet der Sportverein damit einen erweiterten Bildungsraum, in dem Werte wie Fairness, Disziplin und Teamgeist nicht nur vermittelt, sondern praktisch gelebt werden.

Während kommerzielle Anbieter oft auf kurzfristige Konsumerlebnisse und Gewinnmaximierung setzen, steht im organisierten Sportverein die dauerhafte, nachhaltige Entwicklung im Vordergrund – körperlich, sozial und persönlich. Der SV Halle entspricht auch dem Wunsch junger Menschen zur Entfaltung ihres sportlichen Talents und schafft damit die Basis für den leistungsorientierten Kinder- und Jugendsport im Land Sachsen-Anhalt. Sportvereine sind traditionell Orte der interkulturellen Begegnung. Sie bieten Geflüchteten, Migranten und sozial benachteiligten Menschen eine niedrigschwellige Möglichkeit zur Teilhabe. Durch gemeinsame sportliche Erlebnisse entstehen Brücken zwischen sozialen Milieus und Verständnis zwischen Kulturen. Der Sportverein Halle sieht darin einen klaren gesellschaftlichen Auftrag und engagiert sich aktiv für integrative Projekte und Teilhabechancen.

Zusammengefasst heißt das, dass der organisierte Vereinssport – trotz oder gerade wegen gesellschaftlicher Veränderungen – ein unverzichtbarer sozialer Integrationsraum bleibt. Er bietet Gemeinschaft in Zeiten der Vereinzelung, Bewegungsräume in einem verdichteten Schulalltag und Zugänge zum Sport jenseits kommerzieller Interessen. Für den Sportverein Halle ist er somit ein zentrales Instrument für soziale Gerechtigkeit, Inklusion und gesellschaftliche Resilienz.

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