Sportamtsreport 2025: Wandel des Sportverhaltens
Im zweiten Teil des Sportamtsreports 2025 wirft Sportplatzwelt einen exklusiven Blick hinter die Kulissen deutscher Sportverwaltungen und klärt, welchen Einfluss der Wandel des Sportverhaltens auf die kommunale Sportstättenplanung hat und welche Entwicklungen hier erwartet werden.
Wandel des Sportverhaltens
Der landesweit zu beobachtende und in den vergangenen Jahren immer wieder thematisierte allgemeine Wandel des Sportverhaltens, also die Abkehr von traditionellen vereinsgebundenen Sportaktivitäten hin zum selbstorganisierten, informellen Sporttreiben (meist im öffentlichen Raum) zeigt sich im Sportamtsreport 2025 in unterschiedlicher Ausprägung: Während er nach Wahrnehmung der befragten Sportämter in Großstädten (6,0 auf einer Skala von 1 (gar nicht) bis 10 (sehr stark)) vergleichsweise stark zu spüren ist, scheint der Trend Mittelstädte (5,0) und Kleinstädte (4,2) noch nicht vollständig erreicht zu haben bzw. hier deutlich weniger spürbar zu sein. Insgesamt bewerteten die befragten Kommunen die Spürbarkeit dieses Wandels aber deutlich niedriger (5,1) als noch im vergangenen Jahr (2024: 6,1).
Befragte Sportämter in deutschen Großstädten gehen zudem davon aus, dass es sich dabei um einen langfristigen Trend handelt, der in den kommenden Jahren noch deutlich an Fahrt aufnehmen wird: So rechnen 86,9 % der befragten Großstädte damit, dass die Nachfrage nach informellen und selbstorganisierten Sportangeboten im öffentlichen Raum in den kommenden Jahren zunehmen (47,8 %) oder sogar „stark zunehmen“ (39,1 %) wird. Lediglich 13,0 % der befragten Großstädte sind dabei der Auffassung, dass dieser Trend bereits seinen Höhepunkt erreicht hat und die Nachfrage in den kommenden Jahren in etwa auf dem Niveau von heute bleiben wird. Die Einschätzung der Mittelstädte folgt hierbei einem ähnlichen Trend (Starke Zunahme: 35,7 %; Zunahme: 32,1 %; Stagnation: 25,0 %).
Auffällig ist hierbei, dass vor allem Kleinstädte von einer wesentlich langsameren Verschärfung dieses Trends ausgehen (Starke Zunahme: 6,3 %; Zunahme: 25,0 %; Stagnation: 31,3 %). Auch wenn kein einziges der befragten Sportämter davon ausgeht, dass es sich beim Wandel des Sportverhaltens nur um einen kurzfristigen Trend handelt und die Nachfrage nach niedrigschwelligen Sport- und Bewegungsangeboten in den kommenden Jahren wieder abnehmen wird, scheint vor allem in Kleinstädten Unsicherheit ob der weiteren Entwicklung zu bestehen: Mit 37,5 % der befragten Sportämter gaben hier überdurchschnittlich viele Sportämter an, keine Einschätzung über die künftige Entwicklung der Nachfrage nach informellen Sportmöglichkeiten abgeben zu können.
Doch wie bewerten die einzelnen Kommunen diesen Wandel? Stellt die steigende Nachfrage nach informellen und selbstständig ausübbaren Sport- und Bewegungsangeboten eine Gefahr für den Vereinssport, der in den kommenden Jahren immer mehr Mitglieder verlieren wird, oder eine Chance für den organisierten Sport dar – unter der Voraussetzung, dass hier künftig eventuell neue Konzepte und Ideen entwickelt werden müssen?
Großstädte betrachten den Wandel des Sportverhaltens, der (siehe Frage zuvor) bei ihnen derzeit auch mit am stärksten zu spüren ist, vor allem als eine Chance für den Vereinssport (87,0 %). Lediglich 4,3 % der befragten Großstädte sehen darin eine Bedrohung für den Vereinssport. In Mittelstädten fallen diese Einschätzungen bereits etwas negativer aus (Chance: 64,3 %; Bedrohung: 14,3 %). In Kleinstädten hingegen wird der Wandel des Sportverhaltens vor allem als Bedrohung für den Vereinssport angesehen (Chance: 20,0 %; Bedrohung: 40,0 %). Die insgesamt 40,0 % der Sportämter in Kleinstädten, die diese Frage mit „weiß nicht“ bewertet haben, zeugt erneut von der großen Unsicherheit ob der Langfristigkeit und Ausprägung dieses Trends, der (siehe Frage zuvor) hier noch nicht vollständig angekommen zu sein scheint.
Nach Auffassung der meisten Sportämter müssen sich die Sportvereine in Zukunft aber teils deutlich anders aufstellen: Auch wenn sich der klassische organisierte Vereinssport „auf dem absteigenden Ast“ befindet, bietet der Wandel des Sportverhaltens den Vereinen eine Chance, die es schaffen, sich durch entsprechend geeignete Angebote vor allem von den vielen kommerziellen Sportanbietern abzuheben und neue Konzepte und Kursmodelle zu entwickeln, die neue Zielgruppen erschließen oder einen Mehrwert zum niedrigschwelligen Sport im öffentlichen Raum bieten – so der Tonus der im an die Frage anschließenden Kommentarfeld abgegebenen Stimmen.
„Es wird zu stark differenzierten Auswirkungen bei den Vereinen kommen. Chance: Wenn Vereine das steigende Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung im Sinne einer angebotsinduzierten Nachfrage durch entsprechende attraktive Angebote neue Nachfragepotenziale generieren können. Risiko: Wenn sich die Nachfrage nach Sport und Bewegung von der Vereinsnachfrage entkoppelt und weiter auf kommerzielle Sportanbieter verlagert.“ (Roger Rabenhold, Sportamt Chemnitz)
„Der Wandel es weder eindeutig eine Chance noch eindeutig eine Bedrohung. Es ist eher eine Veränderung, die Vereine akzeptieren müssen und das Beste daraus machen können – oder der sie sich verweigern können. Letzteres wird eher zu ihrem Nachteil sein.“ (Anonym)
„Wie immer ist es sowohl Chance als auch Gefahr – in Abhängigkeit der Flexibilität der jeweiligen Vereine.“ (Anonym)
„Der selbstorganisierte Sport entspricht der fortschreitenden Individualisierung in der Gesellschaft. Sportstätten werden damit immer aufwändiger betrieben werden müssen. Das führt dazu, dass Sportstätten ganz oder teilweise aufgegeben werden müssen. In Kombination mit der immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Situation kann der vereinsgeführte Breitensport nicht überleben.“ (Anonym)
„Auf Basis der Ergebnisse einer aktuellen Vereinsbefragung sehen viele Vereine eine Chance im Wandel. Allerdings gibt es kein einheitliches Bild, sodass Vereine auch eine Bedrohung sehen.“ (Anonym)
Organisatorische Umstrukturierung
Viele Experten für Sport- und Sportstättenentwicklungsplanung raten seit Jahren zu einer gewissen organisatorischen Umstrukturierung innerhalb deutscher Sportverwaltungen: Um auf die vielfältigen, teils völlig neuen Anforderungen an eine moderne, inklusive und nachhaltige Sportstättenlandschaft reagieren zu können, ist es nach Auffassung dieser Experten unabdingbar, künftig deutlich ämterübergreifender und interdisziplinärer zu planen – beispielsweise mit Hilfe verschiedener und mit einem festen Budget ausgestatteter Projektgruppen, die sich dann aus Mitarbeitenden der verschiedenen in Frage kommenden Ämter zusammensetzen.
Im Schnitt bewerteten die befragten Sportämter und Sportverwaltungen die Frage, inwieweit Kommunen bei Sportstättenprojekten künftig deutlich ämterübergreifender planen sollten mit 7,8 auf einer Skala von 1 (gar nicht) bis 10 (sehr stark). Großstädte, in denen dieses Vorgehen mancherorts bereits heute Praxis ist, und Mittelstädte bewerteten die Frage mit 8,6 bzw. 8,1 deutlich höher als Kleinstädte (6,2) die bislang noch eher wenig Bedarf an einer interdisziplinären Planung sehen. (Sportplatzwelt, 14.02.2025)
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