„Ein Blick auf Paris zeigt, was möglich ist“
Im Interview wirft Prof. Dr. Stefan Chatrath, Professor an der University of Europe for Applied Sciences, einen Blick auf das Olympia-Konzept der Region Rhein-Ruhr und geht auf mögliche positive Effekte für Sportvereine und -verbände ein.

Chatrath: Wichtig wäre, die notwendigen Investitionen klar zu identifizieren, von heute und mit Blick auf die nächsten 20 bis 30 Jahre. In vielen Kommunen besteht bereits ein erheblicher Investitionsstau bezüglich der Sportstätten, den Olympische Spiele gezielt auflösen könnten. Dringend notwendige Maßnahmen könnten mit einem Upgrade auf den „State of the Art“ kombiniert werden, etwa bei Digitalisierung oder Barrierefreiheit. Davon profitieren alle Nutzer der Sportstätten langfristig.
Hinzu kommt, dass durch Olympische Spiele zusätzliche finanzielle Ressourcen in die Region fließen können, insbesondere über das sogenannte „Urban Development Budget“. In Paris 2024 wurden darüber zum Beispiel 1,32 Milliarden Euro in Sportstätten investiert. Solche Mittel ermöglichen es, Projekte umzusetzen, die sonst oft über Jahre aufgeschoben würden.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die gesellschaftliche Akzeptanz: Wenn klar kommuniziert wird, dass es primär um die Modernisierung bestehender Infrastruktur geht und nicht um kostenintensive Neubauten, sinkt die Angst vor explodierenden Kosten und Fehlinvestitionen deutlich. Genau das kann entscheidend sein, um eine langfristig stabile Unterstützung in der Bevölkerung zu erreichen.
„Demokratische Legitimation ist essenziell für die gesellschaftliche Akzeptanz.“
Sportplatzwelt: Wie kann ein breit aufgestelltes Governance-Modell, bei dem Kommunen, Land NRW, Verbände und Vereine gemeinsam mitdenken, dabei helfen, Vertrauen in die Olympia-Bewerbung aufzubauen und gleichzeitig die Planung effizient zu halten? Welche Fehler gilt es zu vermeiden?
Chatrath: Demokratische Legitimation ist essenziell für die gesellschaftliche Akzeptanz. Dafür braucht es politische Koordinierungsgremien, die u.a. auch grundlegende Leitprinzipien festlegen, etwa zur finanziellen Transparenz oder zur gesellschaftlichen Teilhabe. Gleichzeitig sollte die operative Umsetzung aber bewusst ausschließlich beim Organisationskomitee angesiedelt sein, um Professionalität und Effizienz sicherzustellen.
Die größte Gefahr liegt aus meiner Sicht in der Fragmentierung der öffentlichen Kosten. Die Erfahrungen aus Paris zeigen sehr deutlich, dass sich Ausgaben auf verschiedene Ebenen – Staat, Regionen und Kommunen – verteilen und erst im Nachhinein als Gesamtsumme sichtbar werden. Das führt zu einem „Kostenschock“ in der öffentlichen Wahrnehmung, obwohl einzelne Entscheidungen jeweils politisch formal korrekt waren. Deshalb braucht es in Deutschland eine übergeordnete Kostenaufsicht, zum Beispiel in Form einer gemeinsamen Gesellschaft von Bund, Land und Kommunen, die alle öffentlichen Ausgaben konsolidiert und transparent macht. Nur so lässt sich langfristig Vertrauen schaffen.
Sportplatzwelt: Das dezentrale Rhein-Ruhr-Konzept birgt Komplexität, bietet aber auch die Chance, viele Städte und Arena-Standorte in die Bewerbung eingebunden mitzunehmen. Wie könnte dieses Modell genutzt werden, um eine breite regionale Akzeptanz zu festigen und die bestehenden Sportstätten zu „Treffpunkten“ für Sport und Kultur zu machen?
Chatrath: Ich sehe das dezentrale Konzept eher skeptisch. Ein wesentlicher Bestandteil des olympischen Erlebnisses ist die Kompaktheit, d.h., möglichst viele Wettbewerbe an einem Ort, kurze Wege usw. Das Olympische Dorf ist dabei ein zentrales Element, aber auch die Gäste aus der ganzen Welt und die Häuser der Nationalen Olympischen Komitees, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Alles ist in der Regel in einer Stadt, und genau diese Verdichtung schafft das besondere „olympische Gefühl“.
Die Verteilung auf eine ganze Region erhöht zudem die Komplexität erheblich, bei Logistik, Transport und Koordination. Und man muss ehrlich sein: International gesehen ist der dezentrale Ansatz definitiv ein Wettbewerbsnachteil, selbst bei Berücksichtigung der positiv ausgefallenen Referenden. Denn das IOC bevorzugt für gewöhnlich Ausrichterkonzepte, die eine möglichst hohe räumliche Bündelung der Wettbewerbe und Abläufe bieten.
„Olympische Spiele im eigenen Land können bei Kindern und Jugendlichen eine neue Sport- und Leistungskultur anstoßen.“
Sportplatzwelt: Angenommen, die Bewerbung gelingt: Welche positiven Langzeiteffekte erwarten Sie für Vereine und Verbände – etwa durch modernisierte Stadien, verbesserte Infrastruktur, höhere Sichtbarkeit und neue Nutzungsmöglichkeiten für Regular-Season-Sport, Events und Community-Angebote?
Chatrath: Ein Blick auf Paris zeigt, was möglich ist: Dort wurden rund 80 kleinere Sportstätten modernisiert, die während der Olympischen Spiele als Trainingsstätten genutzt wurden. Jetzt stehen sie den Vereinen beziehungsweise dem Breitensport zur Verfügung.
Ein zweiter wichtiger Effekt betrifft die Motivation im Nachwuchsbereich. Olympische Spiele im eigenen Land können bei Kindern und Jugendlichen eine neue Sport- und Leistungskultur anstoßen. Olympische Spiele vor der eigenen Haustür wirken oft als starker Impuls, und gepaart mit einer besseren Finanzierung ist dann vieles möglich, wie sich in anderen Gastgeberländern zeigte. Ein solcher Schub wäre sicherlich etwas, was wir gut gebrauchen könnten mit Blick auf die negative Entwicklung unserer Olympia-Medaillenbilanz. (Sportplatzwelt, 08.05.2026)




