„Hauptgrund für Sporttreiben liegt in der Gemeinschaft“
Im Interview mit Sportplatzwelt spricht Anke Nöcker, Leiterin Bereich Sport beim LandesSportBund Berlin, über die Sportentwicklungskonferenz des LSB Berlin, generationsübergreifende Angebote und die Bedeutung der Digitalisierung.

Nöcker: Bei dieser Frage haben wir uns mit drei Generationen besonders intensiv beschäftigt – den ältesten Engagierten, die ihr Engagement teilweise gern zurückfahren würden, aber keine Nachfolge finden, den Baby-Boomern, die jetzt nach und nach aus dem Beruf ins Rentenleben wechseln und mit der Generation Z, die sehr engagiert ist, aber gleichzeitig ihre eigenen Regeln für das Engagement aufstellt. Jede Generation ist durch unterschiedliche Lebensphasen geprägt und die Lebensphase, in der sie derzeit leben, ist ebenfalls sehr spannend. Die einen treten ins Berufsleben ein, die anderen verlassen ein sehr intensives und langes Berufsleben. Beides ist mit Herausforderungen verbunden.
In unserer Konferenz haben wir Vertreter*innen aller Generationen persönlich zu Wort kommen lassen. Das war uns sehr wichtig und wir haben viel dadurch gelernt. Strategien zur Gewinnung von Personal in Haupt- und Ehrenamt sind dann erfolgreich, wenn man versteht, was die jeweilige Generation erlebt/erfahren hat und wenn man akzeptiert, was dadurch gewünscht und was ein No-Go ist. Die junge Generation hat uns gesagt, dass sie Freiraum zum Experimentieren sucht, aber auch so etwas wie Leitplanken benötigt, die ihnen Sicherheit gibt. Und da sie durch die rasante Digitalisierung geprägt sind, möchten sie diese auch im Engagement zum Einsatz bringen. Die Baby-Boomer möchten ihre Erfahrungen mit einbringen (gern in der ersten Reihe), aber sehnen sich teilweise auch danach, ihre Freizeit ohne vollen Terminkalender zu genießen. Das ist nicht immer einfach zu realisieren und dafür braucht es kreative Konzepte.
Sportplatzwelt: Im Rahmen der Konfernz ging es aber auch darum, wie wichtig es ist, auch mal „generationsspezifisch“ zu denken. Welche Maßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um beispielsweise die jüngeren Generationen gezielter anzusprechen und für den Vereinssport zu begeistern?
Nöcker: Bei den Jüngeren durften wir eine durchaus hohe Affinität zum Sportverein und zu einem Engagement feststellen. Besonders dann, wenn es bereits eine längere aktive Zeit als Athlet*in in einem Verein gab. Gemeinschaftsgefühl wurde mehrfach genannt als Bindungstreiber und die Chance, etwas auszuprobieren. Der Zusammenarbeit mit Älteren steht die Generation grundsätzlich positiv gegenüber, sie möchte aber auch respektiert werden mit dem Anspruch, Schule/Studium, den eigenen Sport, einen möglichen Job und den Freizeitanspruch unter einen Hut zu bekommen. Das ist nicht immer einfach und das wird oft von der Generation unterschätzt oder gar belächelt, die selber mitten im Berufs- und Familienleben steckt.
Sportplatzwelt: Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Digitalisierungsmaßnahmen (z.B. Online-Buchungssysteme), die digitale Kommunikation /z.B. über Social Media), aber auch digitale Angebote wie eSports?
Nöcker: Die Digitalisierung spielt eine große Rolle in der zukünftigen Vereins- und Verbandsentwicklung. Und davon wird nicht nur die junge Generation profitieren, sondern alle Sporttreibenden und Engagierten. Dennoch tun sich viele Vereine – vor allem solche, die rein ehrenamtlich geführt werden – damit schwer. Change-Prozesse zu planen und umzusetzen ist zeitraubend und manchmal auch nervenaufreibend. Ich weiß, dass viele Landessportbünde dies in der Beratung und Unterstützung von Vereinen aktiv angehen. Wir haben dafür ein Kompetenzzentrum zur Vereins- und Verbandsentwicklung ins Leben gerufen, um den diesbezüglichen Dialog mit den Vereinen zu intensivieren und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.
Die digitale Kommunikation über Social Media dürfen Vereine gern direkt in die Hände der jungen Generation geben – das funktioniert sehr oft sehr gut und bildet nicht selten den ersten Step in ein längerfristiges Engagement der jungen Menschen. Mit dem E-Sports haben wir uns in unserer Konferenz ebenfalls beschäftigt. Hier müssen meines Erachtens Jugendkultur und Vereinskultur einen gemeinsamen Weg finden. Manchmal passt das gut zusammen und manchmal weniger. Es muss ja auch nicht jeder Verein E-Sports anbieten. Aber diejenigen, die es tun, sollten Themen wir Kinder- und Jugendschutz, Sport und Gesundheit gleichermaßen im Blick haben.
Sportplatzwelt: Wie kann hierbei gewährleistet werden, dass sich ältere, weniger digital-affine Menschen im „digitalen Sportverein“ nicht abgehängt fühlen?
Nöcker: Eine behutsame Einführung von digitalen Vereinsservices ist der Schlüssel zum Erfolg. In unserer Konferenz wurde deutlich, dass der Hauptgrund für das Sporttreiben in einem Verein in der Gemeinschaft liegt. Alle wünschen sich einen guten Zusammenhalt und die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen. So kann auch die Einführung digitaler Services gelingen, wenn Mitglieder sich gegenseitig bei der Einführung unterstützen oder die Einführung durch Digitalcoaches eine zeitlang begleitet wird. Es gibt sehr viele digital affine Ältere – sie sind die perfekten Multiplikator*innen. Auch die Trainer*innen haben hier – wie so oft – eine Schlüsselrolle. Sie müssen in solche Prozesse von Beginn an mit einbezogen werden. Gibt es hier keine Akzeptanz, droht oft selbst ein gut geplanter Prozess zu scheitern. Das darf man nicht unterschätzen.
Sportplatzwelt: Eine Win-Win-Situation für alle: Ist es für Vereine immer sinnvoll, möglichst viele Generationen parallel anzusprechen oder können Vereine auch davon profitieren, ihre Ressourcen auf die Ansprache einer bestimmten, dafür aber genau definierten Zielgruppe zu bündeln?
Nöcker: Beides hat seine Berechtigung und wenn es gut gemacht ist, kann beides gelingen. Wir haben in Berlin sowohl Vereine, die sich gegründet haben, um ausschließlich älteren Menschen ein zielgruppengerechtes Sporttreiben zu bieten und die Gemeinschaft in der gleichen Generation. Genauso gibt es Vereine, die sich ausschließlich um Kinder- und Jugendliche kümmern und ihre Angebote stark an Kita und Schule koppeln. Diese Vereine haben in der Kommunikation gewisse Vorteile, da die Zielgruppe eher homogen ist. Aber die Mehrheit der Vereine lebt davon, ihrem Umfeld vom Kleinkind bis zum Älteren oder Hochaltrigen ein vielfältiges Angebot zu offerieren. Dann liegt die Kommunikation häufig noch stärker bei Abteilungsverantwortlichen oder auch den jeweiligen Trainer*innen. Auch das hat Erfolg, bindet aber insgesamt mehr Personal und setzt voraus, dass die Multiplikator*innen ihre Zielgruppe sehr gut kennen und wirklich gezielt adressieren können. (Sportplatzwelt, 07.08.2025)
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