„Die Pflege muss vorauslaufen, nicht nacharbeiten“
Dr. Jan Cordel ist Geschäftsführer der Cordel Bau GmbH und Cordel & Sohn GmbH. Seine Schwerpunkte liegen in der Planung und dem Bau von Sportfreianlagen sowie in der Herstellung von Substraten für den Garten- und Landschaftsbau. Als Dozent und Prüfer an der DEULA Rheinland sowie Lehrbeauftragter an der Hochschule Osnabrück mit Schwerpunkt Rasenanlage und Rasenpflegemanagement spricht er im Interview über Stressfaktoren für den Sportrasen und Wege, wie Betreiber zum bestmöglichen Rasen kommen.

Cordel: Fachliteratur und Praxiserfahrungen zeigen, dass sich viele kommunale Naturrasen-Sportplätze in Deutschland in einem sanierungsbedürftigen Zustand befinden. Dies ist häufig nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen, sondern auf das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Dazu zählen vor allem hohe Nutzungsintensitäten, die ganzjährige Nutzung der Anlagen und die fortgesetzte Bespielung in niederschlagsreichen Phasen, in denen die Flächen meist nur eingeschränkt belastbar sind. Hinzu kommen oftmals begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen für die Pflege. Die für die Platzpflege Verantwortlichen leisten dabei vielfach hervorragende Arbeit, stoßen unter den gegebenen Rahmenbedingungen jedoch häufig an ihre Grenzen.
Dazu kommt: Selbst dort, wo bereits Beregnungsanlagen vorhanden sind, fällt es den Verantwortlichen vor Ort oft schwer, bei extremen Temperaturen richtig zu reagieren und das Bewässerungsmanagement kurzfristig anzupassen. Wir werden dann häufig auf Plätze gerufen, wo es heißt: „Mit unserem Platz stimmt was nicht.“ Dabei wären die Trockenstresssymptome im ersten Stadium noch durch gezielte Bewässerung behebbar gewesen – aber bis der Anruf kommt, ist wertvolle Zeit verloren.
Ein weiteres strukturelles Problem sehe ich darin, dass Anlagen nach der Fertigstellung quasi sich selbst überlassen werden. Es wird eine Anlage für eine halbe Million Euro gebaut – aber eine begleitende Fachpflege für die ersten vier oder fünf Jahre ist im Kostenrahmen nicht vorgesehen. Dabei reagiert ein frisch angelegter Rasen noch sehr sensibel auf Nährstoffe und Bewässerung. Wer von Tag eins ohne Fachbegleitung mit dieser Komplexität konfrontiert wird, kann gar nicht richtig handeln. Eine solche Einarbeitungspflege zumindest im Rahmen der Gewährleistung zu integrieren – das fände ich sinnvoll.
Sportplatzwelt: Wo liegen die typischen Auslöser für diese Überstrapazierung?
Cordel: Zum einen beginnen wir meist schon im Februar mit der Bespielung, obwohl noch gar kein Wachstum vorhanden ist. Für vernünftiges Rasenwachstum brauchen wir eine Bodentemperatur von mindestens acht Grad – darunter regeneriert sich die Pflanze schlicht nicht. Die Bespielung findet also bereits unter Bedingungen statt, die eine Erholung unmöglich machen. Zum anderen wird nach Starkregenereignissen gespielt, obwohl man den Platz eigentlich sperren müsste. Das ist aufwendig: Spiele müssen bei Verbänden abgemeldet und verlegt werden, Heimspieleinnahmen gehen verloren – das versucht man zu umgehen. Dabei kann ein einziges Spiel auf durchweichtem Boden erheblichen Schaden anrichten. Und je später solche Schäden im Jahr auftreten, desto schwieriger wird es, sie über das natürliche Wachstum des Rasens zu kompensieren. Erschwerend kommt hinzu, dass das Ehrenamt vor Ort vom Know-how her stark variiert – und stellenweise schlicht an seine Grenzen stößt.
Sportplatzwelt: Und wenn der Schaden einmal da ist, also typische Probleme wie Bodenverdichtungen und lückiger Bestand auftreten?
Cordel: Dann ist man hinten an. Die Pflege muss vorauslaufen, nicht nacharbeiten – das ist das entscheidende Prinzip. Wenn Sie Lücken im Bestand haben und mit diesem Zustand in den Winter gehen, haben Sie keine Chance mehr, die Narbendichte zu verbessern. Ähnliches gilt für Bodenverdichtungen. Grundsätzlich können Maßnahmen zur Lockerung von Bodenverdichtungen auch kurzfristig durchgeführt werden. Sind die Verdichtungen jedoch bereits stark ausgeprägt und die Bodenverhältnisse sehr feucht, bleibt die Wirkung oftmals begrenzt und die angestrebten Effekte stellen sich nur eingeschränkt ein. Deshalb ist Prophylaxe alles: Wer erst reagiert, wenn der Schaden sichtbar ist, hat das Rennen bereits verloren.
„Über die Bauweise legen wir das Fundament für alles“
Sportplatzwelt: Der Sommer bringt nicht nur Hitze und Dürre, sondern auch Starkregen und Hagel. Welche Rolle spielt die Bauweise, also der Spielfeldaufbau, für die Widerstandsfähigkeit eines Platzes gegen beide Extreme?
Cordel: Über die Bauweise legen wir das Fundament für alles, was danach kommt – auch für die Pflege. Das ist der Grundstein. Und der Zielkonflikt, den wir dabei lösen müssen, ist folgender: Auf der einen Seite steht die Nachhaltigkeit – also Wasser und Nährstoffe möglichst lange pflanzenverfügbar zu speichern. Auf der anderen Seite steht die Funktionalität – also dass der Platz nach einem Starkregenereignis schnell wieder bespielbar ist. Beides gleichzeitig geht nicht.
Die aktuelle Fachnorm für den Naturrasen-Sportplatzbau, die DIN 18035 Teil 4, wird gerade komplett überarbeitet. Die neue Norm wird voraussichtlich 2027 erscheinen und wieder mehrere Bauweisen zur Wahl stellen: Wer auf Speicherfähigkeit und Nachhaltigkeit setzt, wählt einen entsprechenden Aufbau – muss aber ggf. akzeptieren, dass der Platz nach starkem Regen nicht direkt wieder bespielbar ist. Wer auf maximale Funktionalität und schnelle Entwässerung trimmt, fährt einen höheren Ressourceneinsatz. Das muss im Vorfeld klar entschieden werden.
Sportplatzwelt: Wobei immer auch regionale Gegebenheiten zu beachten sind…
Cordel: Natürlich, das muss lokal angepasst werden. Aber das eigentliche Problem ist, dass wir klimatisch immer extremere Schwankungen erleben. Im Sommer hatten wir vor zwei Jahren Julimonate ohne jeden Niederschlag – da dreht sich alles um Wassereffizienz und Bewässerung. Dann switchen wir in den Februar, und plötzlich geht es nicht mehr um Bewässerungswasser, sondern um Niederschlagswasser – und wir wollen, dass die Anlage möglichst schnell bespielbar ist. Es ist beides Mal Wasser, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Diese Schwankungen müssen über die Bauweise und das an den Bau anschließende Pflegemanagement kompensiert werden – das ist die eigentliche Herausforderung.
Sportplatzwelt: Welche Rolle spielt hier die Frage Naturrasen versus Kunststoffrasen?
Cordel: Die spielt immer eine Rolle. Aktuell sind von zehn Sportanlagen auf dem Markt in unserer Region ungefähr sieben als Kunststoffrasen ausgeführt. Wenn wir beim Naturrasen die Funktionalität zugunsten der Nachhaltigkeit zu stark einschränken, riskieren wir Akzeptanzverluste. Deshalb müssen ökologische und funktionale Anforderungen gleichermaßen berücksichtigt werden. Naturrasen bietet neben seinen sportfunktionalen Eigenschaften wichtige Ökosystemleistungen wie Kühlung, Kohlenstoffbindung und die Produktion von Sauerstoff. Diese Aspekte sollten bei der Planung und Bewertung von Sportflächen ebenso berücksichtigt werden wie Nutzungsanforderungen und Wirtschaftlichkeit.
Sportplatzwelt: Viele kommunale Sportplätze haben gar keine Beregnungsanlage. Gleichzeitig werden die Sommer trockener. Lohnt sich die Investition auch für kleinere Kommunen – und ab wann ist ein Naturrasenplatz ohne geregelte Bewässerung schlicht nicht mehr zu halten?
Cordel: Eine Beregnungsanlage ist unter den heutigen klimatischen Bedingungen keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit. Ohne Bewässerung verliert die Rasenpflanze ihre Vitalität – und damit gehen die Spieleigenschaften verloren. Nährstoffe, die aufgebracht werden, müssen in Trockenperioden eingespült werden. Wie soll das ohne Beregnungsanlage funktionieren? Die Argumente dafür sind eindeutig.
Und der Bedarf ist größer, als viele denken: Im Durchschnitt verbraucht eine Rasensportanlage in den Monaten April bis September 2,5 Liter / m² / Tag. Bei Spitzentemperaturen über 30 Grad steigt das auf > 5 Liter / m² – das sind bei 7.000 Quadratmetern > 35.000 Liter täglich. Mit dem Gartenschlauch wird es da schwierig. Hinzu kommt die Frage der Verteilgenauigkeit: Je gleichmäßiger das Wasser aufgebracht wird, desto effizienter ist der Einsatz. Auch das spricht für ein ordentliches Beregnungssystem.
„Wer zu viel wässert, schadet dem Platz.
Sportplatzwelt: Wäre ein sparsamer Umgang nicht auch im Eigeninteresse der Vereine?
Cordel: Absolut. Wer zu viel wässert, schadet dem Platz. Überbewässerung spült Nährstoffe aus, zwingt zu häufigerem Düngen, begünstigt Wurzelverflachung und fördert unerwünschte Rasengräser. Das ist ein Rattenschwanz, der sich durch die gesamte Pflege zieht. Das Einsparpotenzial ist enorm: Studien zeigen, dass ein konsequentes Bodenfeuchte-Monitoring den Wasserverbrauch um bis zu 60 Prozent reduzieren kann. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass das Wissen über optimale Bodenfeuchtebereiche und ein bedarfsgerechtes Bewässerungsmanagement nicht überall ausreichend vorhanden ist. Hier besteht nach wie vor Informations- und Schulungsbedarf.
Sportplatzwelt: Was bräuchte es konkret, um das zu ändern?
Cordel: Ein wichtiger erster Schritt ist ein einfaches Monitoring. Bereits mit kostengünstigen Bodenfeuchtesensoren lässt sich der tatsächliche Wasserbedarf erfassen und die Bewässerung gezielt steuern. In der Praxis fehlt häufig schon die Grundlage, um Niederschlagsmengen systematisch zu erfassen. Wer weiß, dass in einer Woche bereits fünf Millimeter Niederschlag gefallen sind, kann die Bewässerung entsprechend anpassen – vorausgesetzt, diese Daten werden überhaupt erhoben. Mit vergleichsweise geringem Aufwand lassen sich bedarfsgerechte Bewässerungskonzepte entwickeln, beispielsweise auf Basis von Bodenfeuchtemessungen und Bodenanalysen. Die erforderlichen Maßnahmen sind in der Regel gut umsetzbar. Aber es braucht das Bewusstsein, dass Wasser eine Ressource ist, mit der man aktiv umgehen muss.
Sportplatzwelt: Sie sind eng mit dem KORA, Kompetenzzentrum Rasen an der Hochschule Osnabrück, verbunden. Welche Forschungserkenntnisse sind für kommunale Sportplatzbetreiber heute schon praxisrelevant?
Cordel: Die Forschung dreht sich aktuell um mehrere Themengebiete, die alle in dieselbe Richtung zielen: die Nachhaltigkeit von Rasensportflächen zu verbessern. Ein Thema ist die Frage ob und in welchem Umfang mit trockenheitstoleranteren Saatgutmischungen die Rasenqualität in Trockenperioden verbessert werden kann. Ein weiteres Thema ist die Schnittqualität: Im Fokus steht unter anderem die Frage, inwieweit unterschiedliche Mähsysteme, etwa Sichel- oder Spindelmäher, die Rasenvitalität bzw. Rasenqualität beeinflussen. Ein sauberer Schnitt kann die Anfälligkeit für Krankheiten deutlich verringern. Und ein dritter Schwerpunkt ist die Beregnungseffizienz – in mehreren Forschungsprojekten wurde untersucht, wie man über alternative Bewässerungssysteme den Wasserverbrauch auf Sportrasenflächen senken kann, mit sehr guten Ergebnissen.

„Im Bereich Digitalisierung tut sich gerade einiges“
Sportplatzwelt: Was entwickelt sich im Bereich Digitalisierung für die Betreiber?
Cordel: Da tut sich gerade einiges. Es gibt mittlerweile Bildanalysetools, die aus Fotoaufnahmen erkennen können, welche Gräser im Bestand vorhanden sind, wie hoch der Unkrautbesatz ist und wie es um die Vitalität der Pflanze steht. Drohnenkameras werden dafür bereits häufig eingesetzt. Darüber hinaus zeichnen sich zunehmend einfach nutzbare Lösungen ab, beispielsweise in Form von mobilen Systemen oder App-Anwendungen. Ein weiterer vielversprechender Ansatz besteht darin, auf Basis belastbarer Daten und entsprechender Simulationsmodelle Bewässerungsstrategien vorausschauend zu planen, anstatt lediglich auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren.
Sportplatzwelt: Zum Abschluss und zusammenfassend – welche wichtigsten Ratschläge geben Sie Betreibern kommunaler Sportplätze mit auf den Weg?
Cordel: Als erstes würde ich immer das Anforderungsprofil klären: Was soll die Anlage leisten? Wie hoch ist die Frequentierung der Anlage? Daraus leitet sich die richtige Bauweise ab – und daraus wiederum das Pflegemanagement. Das ist die Grundlage für alles.
Dann: Know-how aufbauen. Es gibt gute Weiterbildungsmöglichkeiten, etwa an der DEULA Rheinland, wo man sich vom Platzwart bis zum Head Greenkeeper qualifizieren kann. Gerade dort, wo das Budget knapp ist, ist Know-how der entscheidende Hebel – weil man damit die verfügbaren Ressourcen gezielt einsetzt, statt zu verschenken. Und prophylaktisch arbeiten, nicht reaktiv. Die Pflege muss dem Schaden vorauslaufen. Wer erst handelt, wenn der Platz sichtbar leidet, hat bereits verloren.
Beim Thema Wasser müssen wir noch deutlich bewusster werden. Im Pflanzenschutz hat die Regulierung dazu geführt, dass Maßnahmen kritischer hinterfragt und stärker an den Grundsätzen des integrierten Pflanzenschutzes ausgerichtet werden. Im Bereich Wasser fehlt dieser Druck noch – aber er wird wohl kommen. Wer dann bereits ein Monitoring betreibt und seinen Verbrauch kennt, ist klar im Vorteil. Und langfristig wird die Wirtschaftlichkeit von Naturrasen häufig unterschätzt. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportbelägen lässt sich eine Naturrasenfläche durch kontinuierliche Pflege und Regeneration dauerhaft erhalten. Wer die Kosten über fünfzehn Jahre hinaus rechnet, wird feststellen, dass Naturrasen besser abschneidet als sein Ruf – die Ökosystemleistungen noch gar nicht eingerechnet. (Sportplatzwelt, 26.06.2026)
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